Pfingsterscheinung (?)

Pfingstsonntag, Vormittag, gegen 11.00 Uhr.

Es klingelt an der Tür. Wer mag es sein? Charlotte ist seit dem frühen Morgen bei Ihrer Freiwilligen-Arbeit in der Schule für Autisten. Der Besuch aus Deutschland, der gerade hier ist, sitzt bei uns. Anderen Besuch erwarten wir nicht. Irgendwelche Dienste oder Lieferungen haben wir auch nicht bestellt. Wer kann es nur sein?

Gespannt öffnen wir die Tür und wen sehen wir vor uns – zu unserer grössten Verwunderung – die chinesische Polizei. Sie möchte (wieder einmal) unsere Papiere kontrollieren. Diese sind in Ordnung und so ist nach wenigen Minuten diese „Pfingsterscheinung“ auch schon wieder vorbei.

Zu letzt hatten wir dies mehrfach vor der Olympiade im letzten Jahr. Zu dieser Zeit mussten viele Menschen, die das Bild der perfekten Olympiade stören konnten Beijing verlassen: Wanderarbeiter, Dissidenten u.a. Die Kontrollen dienten ganz offensichtlich dazu all diese zu finden und aus der Stadt zu entfernen.

Aber warum nun wieder? Nach kurzer Überlegung wird uns der Grund klar. In dieser Woche jährt sich zum 20. Mal das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens (geschehen am 04.06.1989). Die chinesischen Behörden sind offensichtlich sehr nervös, was den Jahrestag betrifft, zumal es vor 10 jahren u.a. eine große Demonstration der Falun Gong Sekte gab.

Schon vor einigen Tagen war uns aufgefallen, dass die chinesischen Wachen vor den Botschaften alle mit einem ca. 1,60 Meter langen massiven Stock ausgestattet wurden. Offensichtlich bereitet sich der chinesische  Staat auf alles vor. Gerade habe ich auch noch bei tagesschau.de gelesen, das wieder diverse Websiten gesperrt und Dissidenten aus Beijing ausgewiesen wurden.

Unsere „Pfingsterscheinung“ war nach Minuten vorbei. Ich bin gespannt, ob es das Einzige bleibt, was es über diesen traurigen Jahrestag zu berichten gibt.

Fahrt zur Hölle

Irgendwann musste es ja so weit kommen. Wie habe ich es nur so lange ausgehalten?

Ich beschäftige mich intensiver mit den hiesigen Glaubensvorstellungen.

Bis vor kurzem konnte ich kaum die buddhistischen von den daoistischen Tempeln unterscheiden. Ich dachte: „das begreife ich nie!“ Doch jetzt weiß ich: es lag nicht an mir, sondern an den Chinesen. Sie bringen nämlich ein wunderbares Durcheinander zu Wege, indem sie einfach Buddhas und daoistische Göttermassen in einem Tempel, oder zumindest in einer größeren Tempelanlage zusammen unterbringen. Wie soll ich mich da auskennen?!

Frau Ma, meine Chinesisch-Lehrerin, nicht zu verwechseln mit Herrn Ma, unserem Fahrer, oder Frau Ma, unserer Ayi (= Haushaltshilfe), also Ma Yü Ling gab den entscheidenden Tipp: Guck dir die Mönche an. Geschorene Köpfe sind Buddhisten, langhaarige Mönche sind Daoisten. Leider machen sich oftmals die Mönche rar. Und am Weihrauch kann man nichts erkennen. Mit dem könnten sie es schaffen, mich aus allen Tempeln hinaus zu treiben. Das funktionierte schon in Deutschland in den römisch-katholischen Kirchen. Auf Weihrauch reagiere ich allergisch. Wie gut, dass ich reformiert bin und Johannes Calvin weder Bilder, Blumen noch Weihrauch im Gottesdienst zuließ.

Das alles gibt es in den hiesigen Tempeln um so mehr. Bilder und Statuen von unzähligen Göttern und Opfergaben in Form von Räucherstäb(ch)en jeglicher Größe (durchaus über 1,5m Lang), Blumen und Obst.

Aber neben den Göttern gibt es auch Geister, gute und scheußliche. Die grässlichsten sah ich neulich in der Hölle.

Ja, wir machten eine mehrtägige Reise auf dem Jangtze und besuchten u.a. Fengdu, die Geisterstadt, in der man sehen kann, wie es in der Hölle zugeht. Ich kann versichern – kein Ort zum Urlaub machen! Doch zugleich kann man sich in Fengdu schon mal ein wenig freikaufen aus der Hölle – kommt mir doch irgendwie bekannt vor. Erinnert mich schon wieder an röm.kath.!

Zudem bieten Wahrsager ihre Dienste an. Vielleicht, damit man besser weiß, was man noch im Leben so anstellen wird, um gleich vorort genügend Höllenbefreiungszertifikate zu erwerben.

Nun, es war ein Höllenspaß, all die Fratzen zu sehen, die Aberglauben-Geschichten zu hören und das Spektakel mitzuerleben, das Chinesen so sehr lieben.

Übrigens machten wir diese Fahrt in diesem Jahr rund um den 1. Mai, der 2008 mit dem Himmelfahrtstag zusammenfiel.

Dear Dr.

Namen sind in China etwas anders als von Deutschland gewohnt.

Das fängt damit an, dass die Chinesen ihren Namen in umgekehrter Reihenfolge schreiben. Also nicht Vorname Nachname (z.B. Klaus Blatt), wie wir es gewohnt sind. Sondern Nachname Vorname (in meinem Beispiel also Blatt Klaus).

Nun geben sich viele Chinesen einen westlichen Vornamen, um dieses Problem zu überwinden. Also zu Beispiel Michael Wang oder Becky Li. Aber eben nicht alle. Was ist bei He Tao, Lu Ying, Lei Kuang, Xin Zeng oder Wang Li nun Vor- und was Nachname? Und wie spricht man den Kollegen, die Kollegin an?

Zum Glück haben die meisten Bayer Kollegen einen westlichen Vornamen, so dass das Problem nicht auftaucht. Dafür sind die gewählten westlichen Vornamen manchmal zum schmunzeln. Wie finden Sie die Vornamen wie: Melody, Summer, Smart, oder gar Carman (ein Mann, Carman = Car Man).

Eine andere chinesische Besonderheit ist die Verdoppelung des Vornamens. Also Peipei statt Pei, oder Ningning. Etwas merkwürdig kam mir allerdings Pengpeng vor.

Aber die chinesischen Kollegen haben offensichtlich ähnliche Schwierigkeiten mit unseren westlichen Namen. Nun lautet mein voller Name Dr. Klaus Blatt. Also bekomme ich mails mit Dear Klaus, aber auch schon mal mit Dear Blatt.  Immer wieder aber auch mit Dear Dr.  Auf Rückfrage wurde mir beschieden, dass ich diese, für mich etwas merkwürdige Anrede, als Ausdruck der Hochachtung für mich verstehen soll. Schließlich habe ich einen Dr.-Titel und die Anrede Dear Dr. druckt den Respekt davor aus.

Also Schwierigkeiten auf beiden Seiten des interkulturellen Dialogs.

Zum 3. Mal zurück in Deutschland

Alle halbe Jahre treibt es uns nach Deutschland.

Diesmal flogen wir, weil Charlotte neun Vorstellungsgespräche wegen einer Ausbildung in Deutschland vereinbart hatte. Pekinger Freunde meinten, dass müsste doch klappen, in Deutschland lebende waren da skeptischer. Um es gleich vorwegzunehmen: sie hatte danach mehrere Angebote und wählte sich das aus, was ihr am besten und freundlichsten erschien. So wird Charlotte ab Oktober in Bonn leben und eine Ausbildung zur Krankenschwester beginnen und wir werden nur noch zu zweit in Beijing bleiben.

Natürlich haben wir auch wieder viele Besuche gemacht; außer meine, deine, unsere Familie legten wir den Schwerpunkt auf Besuche bei denjenigen, die wir letztes Mal nicht besuchen konnten. Ach, es ist schon schön, so viele liebe Menschen wieder zu sehen und bei ihnen zu Gast sein zu dürfen. Mit manchen haben wir Besuche bei uns in Peking besprochen. Wir hoffen, wir können allen schönes Wetter und blauen Himmel bieten.

Dagegen die alte Heimat: Die Fahrten im Regen – den Schnee hab ich diesmal umgehen können – machten das Deutschlandbild noch trister als es die Stimmungslage angesichts der allgegenwärtigen Krise bereits gemalt hatte. Charlottes zweites Vorstellungsgespräch – morgens um 8 in Düsseldorf – kam zum Beispiel gar nicht recht zustande, da ihr in der Praxis sofort mitgeteilt wurde, die Herren Doctores würden in diesem Jahr nicht ausbilden und müssten auch noch Mitarbeiterinnen entlassen wegen der Krise und der Pauschalen und überhaupt.

Dafür hatten wir das üppige Frühstück unseres Hotels ausfallen lassen. Damals fanden wir das schade, mittlerweile sind wir froh drum, denn es ist schwer genug, die Pfunde aus Deutschland wieder loszuwerden. An denen ist aber nicht nur das „leckere“ Hotel Gastgeb schuld, sondern auch die Einladungen und die verlockenden Süßigkeiten, die wir in Peking entbehren und bei denen wir Nachholbedarf verspürten. Jetzt verstehe ich, warum so viele wohlbeleibte Mitmenschen in Deutschland zu sehen sind. Sie alle haben nicht die Chance, wie wir, die Pfunde in Peking oder auf der großen Mauer etc abzulaufen. Auch wir waren wieder ständig mit dem Leihwagen unterwegs statt zu Fuß – kein Wunder bei dem Wetter. Dauerregen und ar…kalt.

Erst einen Tag vor Abflug änderte es sich, als wir auch noch die Zeit fanden, einen Ausflug auf den Pfälzer Trifels zu unternehmen. Mit dem Geländewagen-Monstrum, das uns statt des bestellten Passat-Kombi bei der Leihwagenfirma übergeben wurde, hätten wir es wahrscheinlich auch noch bis zum Burgtor geschafft. Ich kam mir auf jeden Fall in dem Wagen äußerst deplaziert vor. Zudem wurde ich auch noch mehrmals merkwürdig von Kleinwagen fahrenden Herren der Schöpfung wegen des Wagens angemacht. Es ist ja doch ein komisches Gefühl nach sechs Monaten mal wieder am Lenkrad zu sitzen und sich nicht chauffieren zu lassen. Aber im Pekinger Verkehr ginge ich unter. Er ist dermaßen ungeregelt, dass ich wahrscheinlich gar nicht vorankäme. Man kann ja keinen Sicherheitsabstand einhalten, weil mehrere andere Wagen die Lücke nützen würden.

Übrigens waren wir natürlich auch wieder in Deutschland einkaufen: Kleidung für mich, Schuhe (ein Muss in Pirmasens!), Haribo, Schokolade, Bratensoße, süße Paprika, Deo, Hautcreme ( ohne Whitener-Bleichmittel), Bücher, Wolle, die neue 17 Hippies CD, Gummibärchen. .. Das alles und noch viel mehr gibt es nur in Deutschland.

Wir kamen mit vollen Koffern – wir kehrten mit gefüllten Koffern zurück.

Das neue Jahr fängt schlecht an

Es ist Montag, der 9. Februar, für Chinesen ist es der erste Monat, 15. Tag, das heißt, es ist Laternenfest, der Abschlußtag der Neujahrsfeierlichkeiten. Noch einmal wird gefeiert mit großen Feuerwerken, leckeren Kuchen und so weiter: Danach werden die Familienmitglieder wieder an die Orte zurückkehren, wo sie Arbeit gefunden haben –  falls sie nicht zu den neuen 20 Millionen Arbeitslosen gehören, die die Weltwirtschaftskrise bisher in China zum großen Arbeitslosenheer hinzugefügt  hat. Wir stehen am Fenster und bestaunen ein riesiges Feuerwerk, das hinter den Nachbarhäusern hervorblitzt.  „Das da nie was passiert!“ meint Klaus und ich erwidere: „Vielleicht erfahren wir es nur nicht.“ Klaus, Charlotte und Wen Wu beschließen, es sich aus der Nähe anzusehen. Kurze Zeit später klingelt das Telefon. Ich kann kaum verstehen, was Klaus sagt, da gerade vor unserem Haus ein Prachtfeuerwerk in die Luft geht. „Komm schnell mit deiner Kamera, hier brennt das kleinere der CCTV-Häuser.“  Ein Feuerwerkskörper hatte das Dach in Brand gesetzt und – obwohl da oben Menschen gewesen waren, hatte keiner gelöscht und so fraß sich das Feuer weiter. Als ich mich nähere, beginnt gerade die Frontseite zu brennen. Die Fassadengestaltung fand ich schon die ganze Zeit über hässlich, sie hatte was von Wellblechdach, aber dass sie auch noch so leicht entflammbar war, konnte ich mir kaum vorstellen. Nach kurzer Zeit steht das ganze Gebäude, über 150 m hoch, in Flammen. Ab und zu hören und sehen wir heftige Explosionen. Alles war wohl fertig ausgestattet, das Luxushotel, die Tonstudios, die Kinosäle …Und nun geht alles in Flammen und Rauchwolken auf.  Während ich filme, kommen immer mehr Menschen möglichst nahe ran, auf der dritten Ringstraße, direkt vor dem Gebäudekomplex, geht der Verkehr weiterhin langsam vorwärts, öffentliche Busse halten an und spucken Passagiere aus. Die Polizei guckt zu. Nach einer Stunde sehen wir, wie sich die ersten Feuerwehrwagen langsam nähern, denn die haben hier keine eingebaute Vorfahrt und die Straßen sind wie immer dicht. Windböen lassen ab und an die Funken fliegen und fachen riesige Flammen an. Etwas weiter wird gerade wieder ein Feuerwerk gezündet. Am nächsten Tag lesen wir, dass Angestellte des CCTV (Nationales Chinesisches Fernsehen) selbst das illegale Höhenfeuerwerk auf ihrem Gelände haben abbrennen lassen, ein toter Feuerwehrmann, sechs Verletzte, und bestimmt 100 Millionen Euro Sachschaden sind entstanden. Chinesen halten das für einen ganz schlechten Jahresanfang.

Ein paar Fotos des angebrannten Gebäudes finden sich hier

Niu-year

Niu – das Rind – grüßt von allen Plakatwänden, Fenstern, Tassen. Das Jahr des Rindes hat angefangen und es knallt und zischt seit fünf Tagen durch ganz Peking und sicherlich auch durch den nicht gerade kleinen Rest von China. Angeblich wurde noch mehr Feuerwerk verkauft als im vergangenen Jahr.

Wir finden es diesmal aber ruhiger als im vergangenen Jahr, als die Ratte begrüßt wurde. Immerhin war nach drei Uhr morgens erst mal für fünf Stunden Ruhe, bevor am Montagmorgen heftiges Trommeln, eher Paukenschlagen, im Verein mit lautem Feuerwerk mich weckte. Vor dem Kerry-Hotel gab es um 8.30 Uhr für die werten Gäste und die sich nicht wehren könnenden Anlieger einen traditionellen Drachentanz mit allem Budenzauber, den China zu Neujahr zu bieten hat. Auch die Zugfahrkartenverkäufe erreichten ungeahnte Höhen. Alle Welt verreist nach Hause. Nicht nur die Wanderarbeiter, auch die Angestellten der vielen Geschäfte und die Köche und Bedienungen der Restaurants. Peking wirkt wie ausgestorben. Die hier unbekannte Sonntagsruhe zieht gleich für eine ganze Woche ein. Das hieß natürlich auch, dass wir uns im Vorfeld für eine Woche mit allem ausrüsten mussten, was man für das leibliche Wohl braucht.

Wir haben uns schlau gemacht, was man denn unternehmen kann in dieser leeren Stadt. Die Straßen waren tatsächlich leer. Wäre es nicht so kalt, könnte man endlich mal nach Herzenslust Fahrrad fahren.

Also besuchen wir per U-Bahn, auch die Taxifahrer machen Heimaturlaub, den Lama-Tempel. Doch die völlig überfüllte U-Bahn fährt durch unsere Haltestation durch. Eins weiter steigen wir aus, um festzustellen, dass offensichtlich ganz Peking unsere Pläne teilt. Das Viertel rund um die Tempelanlage ist abgespeert und in einer langen Schlange warten die Menschen auf Durchlass, jeder mit Räucherstäben, Blumen und Obst beladen, um sie für ein gutes neues Niu-Jahr zu opfern. Wir ändern unseren Plan und ziehen in einem großen Bogen um das Tempelviertel herum zum Ditan (Erd-Tempel) Park. Menschenmassen wälzen sich durch diesen Park, in den wir aber immerhin hineingelangen. Aber schön ist etwas anderes. Eine Art Kirchweih/Kirmes wird hier gefeiert und alle machen mit. Als wir gehen wird auch hier abgesperrt und der Zugang reguliert. Es wurde auch allerhöchste Zeit.

Am nächsten Tag erholen wir uns – „mine Beene!!!“. Doch dann geht es weiter in den Tempel des Himmels (Tian Tan). Hier gibt es den nachgestellten traditionellen Einzug des chinesischen Kaisers zur Neujahrstempel – zeremonie im Tian Tan zu sehen. Unzählige Besucher schauen sich mit uns diesen „Zoch“ an, offensichtlich viele aus der Provinz, denn wir sind, selbst eifrig fotografierend, ein beliebtes Fotomotiv.

Es ist Donnerstag. Es wird weiterhin geknallt und gefeuerwerkelt und wir besuchen die nächste Tempelanlage, gleich bei uns um die Ecke. Schon vor dem Eingang bekommen wir viel zu sehen. Eine ausgesprochen fitte Rentnertruppe gibt ein zwischen Pekingoper und Dorftheater angesiedeltes Possenstück zum Besten. Es ist sehr unterhaltsam und findet begeisterte Zuschauer. In der Tempelanlage sind die verschiedensten traditionellen Jahrmarktsattraktionen zu bewundern: Mäusezirkus und Knetfigurenbastler, Zuckergußfigurenbläser, chinesisches Kasperltheater, aber auch Akrobaten, Wurfspiele, Fressbuden und mittendrin stehen die Räucheraltäre und werden Räucherstäbe und Obst und Geld geopfert. Die Menschen schreiben ihre Wünsche auf rote Holzplättchen, die an die Wegegitter gehängt werden, und beten vor bestimmten Götterfiguren, die wir nicht einordnen können. Denn in diesem Tempel gibt es Hunderte von Göttern, für wirklich jeden Zweck einen.

Mittlerweile ist Freitag. Heute Morgen war es draußen so laut, dass ich dachte, sie sprengen ein paar Hochhäuser in die Luft. Aber nein, am fünften Tag muss man es doch so richtig krachen lassen, denn danach ist erstmal Ruhe angesagt, bis zum 15. Tag des neuen Jahres. Da wird nochmals die Sau rausgelassen. Aber diesmal wissen wir, was uns erwartet.

Asien – ganz anders

Aber wirklich ganz anders als China war Japan. Für deutsche Ohren mag es komisch klingen: ein verlängertes Wochenende verbrachte ich in Japan, genauer gesagt in Osaka, Kyoto und Nara. Klaus hatte dort eine Woche lang beruflich zu tun und ich flog ihm nach. In Beijing hatte der Winter gerade beschlossen, jetzt wird es eiskalt und ich wusste auf dem superneuen Flughafen überhaupt nicht, wie schnell ich noch zittern sollte vor lauter Kälte. In Osaka waren die Temperaturen herbstlich und der Flughafen wohlbeheizt. Allerdings lag er auf einer Insel im Meer und die Anfahrt nach Osaka war lang. Mit dem Bus für 12 Euro eine Stunde Fahrt auf der linken Straßenseite, dann Direktausstieg vorm Hotel. Vor dem Einsteigen in den Bus hatte mir ein freundlicher Mann mit einem höflichen Diener meinen Koffer abgenommen, der Fahrer des Busses hatte mich mit Verbeugung begrüßt. Die Kofferträger verabschiedeten den Bus mit Verbeugung. Der Koffer wurde mir mit Verbeugung wieder überreicht. Wo man auch hinkommt, jeder verbeugt sich. Besonders auffällig ist das im Supermarkt, in den großen Malls. Jede Verkäuferin, die man beiläufig passiert, verbeugt sich tief.

Im Hotelzimmerbad befindet sich natürlich eine japanische Toilette: Beheizte Klobrille, automatische Spülung während des Urinablassens, integrierte Dusche und Fön für den unteren Körperteil, damit alles schön sauber wird – ganz ohne Toilettenpapier. Es fehlte nur noch der Zeitungshalter mit automatischer Umblättermechanik – kommt bestimmt noch! Der Ausblick aus dem Hotelzimmerfenster ist gewaltig: ein Häusermeer ohne Ende, der Flugzeugausblick beim Rückflug bestätigt diesen Eindruck. Kaum etwas Grünes ist zu sehen, dafür aber ein shintoistischer Schrein auf dem Hochhausdach nebenan – bizarr, neben den Abluftrohren!

Ein erster Bummel macht deutlich: Japan ist voll – viel voller an Menschen als China. Aber die Menschen sind rücksichtsvoller: man wird nicht umgelaufen oder angerempelt. Die Leute riechen nicht, spucken nicht, sind gut und geschmackvoll gekleidet – und ich verstehe mal wieder kein Wort! Lesen kann ich auch nichts. Osaka ist so voll, dass man auf einen Platz im Restaurant warten muss, auch wenn zwanzig Lokale nebeneinander und hunderte in nächster Umgebung,  – unter und überirdisch – zu finden sind. Und mit dir warten Massen. Dabei ist hier alles auch noch fürchterlich teuer. Die Dose Bier im Supermarkt nebenan kostet 2,50 Euro. Man geht besser ausländisch als japanisch essen, dann ist es eher erschwinglich und man kann besser anhand der Bilder auf der Speisekarte raten, was man aufgetischt bekommen wird.

Am nächsten Morgen donnert und blitzt es während wir ausführlich frühstücken. Der Zug soll uns nach Kyoto bringen. Am Bahnhof finden wir einen bei unserem Anblick völlig aufgeregten Schalterbeamten, der uns Karten verkauft und ungefragt Gleis und Abfahrtszeiten aufschreibt. Bahnhof und Zug sind unglaublich sauber, die Straßen Osakas ebefalls und Kyoto wird es auch ohne die Dauerregendusche, die wir morgens erleben, bereits gewesen sein.

Als wir den Kaiserpalast erreichen, hört der Regen auf und wir können an einer englischsprachigen Führung teilnehmen. Allerdings müssen wir unsere Pässe vorlegen und reservieren. Noch im vergangenen Jahrhundert war Kyoto Kaisersitz. Japaner dürfen nur einmal im Jahr den Palast besichtigen, Ausländer viel häufiger. Wir nutzen die Besichtigung der Außenanlagen für eine ausführliche Fotosession, die Innenräume werden uns nur per Film vorgeführt. Allerdings scheucht uns ein Aufseher, der hinter der Besichtigungsgruppe hergeht, voran. Am Ende lässt sich sogar die Sonne blicken und wir beschließen, auch noch die goldene Pagode zu besichtigen. Der Taxifahrer, im feinen Anzug, weißem Hemd und Krawatte, der uns hinbringen soll, steigt aus, um nach dem Fahrziel zu fragen, öffnet die Taxitür zu einem mit weißen Häkelschutzdeckchen ausstaffiertem Sitz. Es duftet gut und während der Fahrt bekommen wir Bonbons angeboten.

Am nächsten Tag besichtigen wir die alte Kaiserstadt Nara – einfach unglaublich, ich könnte seitenlang berichten über Tempel, Buddhas, japanische Hochzeiten, zahme Hirsche….

Und Osaka – am eindrucksvollsten sind mal wieder die Lebensmittelabteilungen der großen Kaufhäuser. Zum einen ist es die unglaubliche Vielfalt der Waren,zum anderen aber auch ganz besonders – und das scheint mir sehr japanisch –  die Schönheit und Akkuresse, in der die Ware angeboten wird. Wir konnten uns gar nicht satt sehen. Und wenn du nach all dem Kaffee und Kuchen zu dir nehmen willst, kniet sich die Bedienung neben dir hin, um deine Bestellung aufzunehmen. Damit ihr Kopf ja nicht höher ist als deiner.

Und doch, bei aller angenehmen und schmeichelnden Höflichkeit hatten wir doch den Eindruck, manchmal stehen die Japaner mit all dem sich selbst im Weg und kommen nicht voran. Man muss mit ihnen auch sehr geduldig sein.

Paddy fields

Welch ein Glück! Wir können mal wieder verreisen. Und diesmal sogar zu viert. Friederike ist zu Weihnachten gekommen. In Peking ist es fürchterlich kalt, aber wir fliegen in den Süden! Zunächst nach Kunming. Am Abend gehen wir essen – schön südöstlich-scharf, danach bummeln wir durch die Geschäftsstraßen und stoßen auf Massen von jungen Leuten, die sich einem besonderen Vergnügen hingeben: sie besprayen sich gegenseitig mit Schnee aus der Dose – es ist der 1. Weihnachtstag und für Südchinesen ist das ein Schneefest. Schon bald sind wir weiß, aber auch rosa, blau, grün, gelb gesprenkelt, weil der Kunstschnee vielfarbig aus den Dosen kommt.

Am nächsten Tag holt uns der Bus ab und bringt uns weiter ins ursprünglichere Yunnan nach Jianshui, wo wir in einem sehr alten und großen traditionellen Hofhaus untergebracht werden. Chinesische Himmelbetten, Frisierkommoden und sogar entsprechende Kleidungsstücke machen die Sache perfekt. Abends essen wir Cross Bridge Rice Noodles und nicht nur die Kinder der Umgebung schauen den langnasigen weißen Geistern beim Schlürfen der Nudelsuppe zu. Eine Teezeremonie und Gesang und Tanz runden den Abend ab. Eine schöne Altstadt, eine großartige Tempelanlage zur Verehrung des Konfuzius und ein Minderheitendorf in der näheren Umgebung sind die hiesigen Besichtigungsziele für unsere 20-köpfige Reisegruppe.

Eine weitere stundenlange Fahrt bringt uns zum tatsächlichen Ziel der Reise nach Yuanyang. In der neuen Stadt unten im Tal steigen wir an der Tankstelle aus und es ist subtropisch warm. Wir kaufen Früchte und nutzen die mal wieder katastrophale Toilette, – ein Thema, zu dem ich nichts mehr sagen muss, dran gewöhnen wird man sich nie, aufsuchen muss man sie leider.

Jetzt geht es nur noch bergauf in die Altstadt. Zwei Stunden spätersind wir auf 1800 m Höhe, über den Wolken, angekommen. Es ist kalt und feucht und mittlerweile dunkel und unsere Hotelzimmer sind kalt und feucht und miefig. Das Abendessen ist besser als angekündigt, dafür besteht das Frühstück entweder aus Reissuppe oder schlabbrigem Toastbrot mit Marmelade (vom Reiseleiter aus Peking mitgebracht). Außerdem speisen wir vollbekleidet mit Vlies- und Outdoorjacken. Immerhin gibt es warmen Kaffee. In Yunnan wird ein wunderbarer Kaffee angebaut.

Am nächsten Morgen regnet es. Unsere Reiseleiter machen sich Sorgen. Doch dann geht der Regen in Wolken über und auf der kurzen Busfahrt zum Hanidorf klart es auf. Die Hani sind ein Minderheitenvolk, das sich auf die Bergeshöhen zurückgezogen hat und hier nun Reis anbaut, mit Hilfe von Wasserbüffeln und in tausenden von terrassierten Reisfeldern. Zurzeit stehen diese paddy fields alle gerade unter Wasser , so dass sich jetzt fantastische Ansichten spiegelnder Flächen ergeben. Das Hanidorf sieht aus, als hätten sie hier für den kleinen Hobbit gefilmt. Ich stelle fest, hier müssen die Frauen die schwere körperliche Arbeit tun ( z.B. Steine schleppen in einer Rückentrage), während die Männer beraten, verwalten oder einen Wasserbüffel ins Feld treiben. Auf den Feldern scheint es derzeit nicht so viel Arbeit zu geben. Dafür können wir auf den schmalen Abgrenzungen rumturnen und viele Fotos machen. Zwischendurch kommt immer mal wieder eine Hani-Frau und will uns selbstgemachte Stoffe oder Ansichtskarten etc. verkaufen. Wie lang die Post von hier wohl brauchen wird? Ob sie je ankommt? Mit unserer Lebenswelt hat das hier dermaßen wenig zu tun. Wir fühlen uns wie in einem Museumsdorf. Zudem ist die Verständigung ausgesprochen schwierig, da der hiesige Dialekt wenig mit unserem Mandarin-Chinesisch zu tun hat.

Als wir nach einem langen Tag in den Feldern zurück zum Hotel kommen, findet dort gerade eine Hochzeitsfeier statt. Chinesische Hochzeiten dauern nur ca zwei Stunden, aber es kommen Unmengen von Menschen. Alle bekommen zu essen und zu trinken und dann können sie wieder heimgehen. Das Brautpaar unternimmt allerdings eine Hochzeitsreise. Irgendwie müssen sie sich ja auch besser kennen lernen, viele Ehen werden immer noch von den Eltern arrangiert, viele Chinesen sind nicht aufgeklärt und völlig verklemmt. So sieht man nur sehr selten händchenhaltende Liebespaare in der Öffentlichkeit.

Im Ort durchwandern wir noch im dämmerigen Nebel die Marktstraße mit ihrem reichhaltigen Angebot. Die Marktfrauen tragen die gleiche Tracht wie die jungen Mädchen, die auf dem zentralen Platz für eine traditionelle Tanzdarbietung üben. Traditionelle Handarbeiten können wir in einem Laden kaufen, den ein Hilfsprojekt zur Stärkung des Selbstbewusstseins der Hani-Frauen betreibt. Schwere LKW und Kleinstwagen, Lastmopeds und dreirädrige Kleinlaster hupen sich durch die einzige befahrbare Straße. Das einfache, aber schmackhafte Abendessen nehmen wir wieder dickbemantelt ein. Und zittern uns danach durch die letzte kalte Nacht auf diesem Berg. Am nächsten Tag fahren wir fast nur Bus, bewundern die Landschaften, besichtigen das zweitgrößte Tiannanmen (südliches Himmelstor) in Jianshui, um am Abend ins eiskalte Peking zurück zu fliegen.

Weihnachtsstimmung in Beijing

Ich habe ein paar Fotos zur Weihnachtsstimmung hier in Beijing ins Netz gestellt. Auch wenn Weihnachten schon vorbei ist, hoffe ich dass die Fotos noch Interesse finden.

Zu finden sind sie hier: Link zu den Fotos

Es sind 15 Fotos, die nach und nach angezeigt werden (also ggf. etwas Geduld haben).

Alle Fotos wurden in der Nähe unserer Wohnung aufgenommen.

HongKong – Macau – Venedig(?)

Es ist schon manches anders in China. Auch die Mitarbeiter-Motivation. So durfte ich in diesem Jahr an der Bayer-Schering-Pharma (BSP) Annual Conference teilnehmen. Was soll man sich nun darunter vorstellen?

Es ist die einmal jährlich stattfindende Mitarbeiter-Motivationsveranstaltung der Division Pharma von Bayer HealthCare China, also dem grössten Teil meines aktuellen Arbeitgebers. Das heißt, 2000 Mitarbeiter flogen für eine Woche nach Hong Kong und Macau.

Natürlich können nicht alle zusammen reisen, das geht Bereichsweise. Mein Bereich, ca. 70 Kolleginnen und Kollegen, flogen an einem Samstag im Oktober zunächst nach Hong Kong. Mittags angekommen blieben 1 1/2 Tage für Shopping (im offiziellen Programm) und, wer mochte, einen Besuch in Disney World (natürlich von der Firma bezahlt).

Am Montag stand zunächst eine Stadtrundfahrt inklusive eines Besuchs in Madame Tussauts Wachsfigurenkabinett auf dem Programm. Danach ging es mit der Fähre nach Macau.

Am Dienstag gab es dann den BSP Tag. Das heißt eine große Veranstaltung zum Feiern der Erfolge dieses Jahres, einem Ausblick auf das kommende Jahr und die Ehrung vieler Mitarbeiter. Dazu waren dann auch zwei chinesische Olympiasieger anwesend, die nun Goldmedaillen an Bayer Mitarbeiter verteilten.

Am Nachmittag waren noch einige Workshops zu besuchen, mit denen die Zusammenarbeit unter den Kolleginnen und Kollegen gefördert werden sollte. Danach nahmen wir ein ausgezeichnetes Dinner ein, mit dem das Abendprogramm eingeläutet wurde. Kaum war das gute Essen verspeist, stürmten die 2000 Teilnehmer wieder den Saal.

Nun war Party angesagt! Und die begann sofort mit einem Höllenlärm, denn auf den Sitzen waren Krachinstrumente verteilt, wie ich sie bisher nur von Sportveranstaltungen kannte. Den ganzen Abend über wurden sie reichlich benutzt. Die Party war ein Mix aus weniger professionellen Akrobatik- und Tanzdarbietungen, aber auch den Auftritten von zwei chinesischen Showstars, die selbst ich aus dem Fernsehen kannte. Und das Publikum tobte. Interessanterweise gab es für die Party nur Softdrinks, keine alkoholischen Getränke.

Am nächsten Tag stand noch ein halbtägiger Workshop meines Bereiches auf der Tagesordnung. Der Nachmittag war dann schon wieder frei. Am Donnerstag gab es noch Gelegenheit für eine Besichtigungstour durch Macau und am Freitag flogen wir wieder nach Beijing.

Also eine Woche auf Firmenkosten mit tatsächlich 1 1/2 Tagen echtem Programm. Der Rest der Zeit blieb für Ausspannen, Sightseeing oder Shopping. Und letzteres wurde von vielen meiner Kolleginnen und Kollegen mehr als reichlich genutzt. Sicher kommen die meisten kaum einmal aus China raus und nutzten die Gelegenheit, auch einmal die Originale zu kaufen und nicht nur die Kopien, die in Beijing überall zu bekommen sind. Auch mögen einzelne Dinge in Hong Kong preiswerter sein als in Beijing. Trotzdem konnte ich kaum fassen, was gekauft wurde und vor allem wie viel. Es gab Kollegen, die mit praktisch keinem Gepäck los geflogen sind, dann in Hong Kong einen Koffer kauften und diesen bis zum Ende der Reise füllten.

Soweit Hong Kong und Macau – was ist nun mit Venedig?

Nun ja – wir waren in Macau in einem Hotel mit dem netten Namen „The Venetian“ untergebracht. Es gibt ein gleichnamiges Hotel in Las Vegas und auch das in Macau ist ein Casino-Hotel. Aber nicht irgendeins von den 29 Casino Hotels in Macau. Es ist das Casino-Hotel in Macau.Ich bin ja nun schon viel rum gekommen in der Welt, aber so etwas habe ich noch nicht gesehen und erlebt. Dieses Hotel hat 3000 Zimmer und ist angeblich so groß wie 90 Jumbo-Jets. Und im Keller gibt es ein riesiges Spielcasino.

Es war schon sehr interessant, das Spielcasino zu besuchen und zu sehen, wie die Chinesen, die für ihre Spielleidenschaft bekannt sind, das riesige Angebot annahmen. Beeindruckend, welche Summen da auf den Tisch gelegt wurden und mit welcher Leidenschaft gespielt wurde.“Leider“ kenne ich die meisten der angebotenen Glücksspiele nicht und konnte mich daher nicht so recht beteiligen.

Eines Morgens fuhr ich mit dem falschen Aufzug und musste durch das Casino, um ohne Umweg zum Frühstück zu kommen. Selbst um diese Zeit, morgens kurz nach Sieben war das Casino gut gefüllt und machte sicher noch  – oder schon – einen guten Umsatz. Verblüfft war ich dann noch mehr als mich eine schick aufgemachte junge Frau ansprach, um mir ihre Dienste anzubieten. Schon am Abend hatte mich überrascht, wie offen die Damen ihre möglichen Kunden ansprachen, aber morgens um Sieben hatte ich damit nicht gerechnet.

Über dem Casino hat das Hotel ein eigenes Einkaufszentrum. Und das sieht aus wie Venedig. Das heißt, man hat Venedig im Innern dieses Hotels nachgebaut. Alle „Häuser“ im venezianischen Stil, mit Nachbauten der wichtigsten Plätze aus Venedig und mehreren Kanälen mit venezianischen Gondeln und singenden Gondoliere. Natürlich sind die Decken als Himmel ausgestaltet und am Abend geht scheinbar „die Sonne unter“. Man kann „draußen“ Essen gehen und am Abend kommen Sänger und Gaukler und unterhalten das Publikum.  Und das Ganze ist so groß, dass man für eine Rundgang gerne eine Stunde braucht. Ich kann nur empfehlen einmal die website: www.venetianmacao.com zu besuchen, um einen Eindruck zu bekommen. Selbst das Aussengelände ist entsprechend gestaltet. Inklusive Dogenpalast, Campanile und Seufzerbrücke.

So habe ich also in einer Woche neben Hong Kong und Macau auch „Venedig“ besucht.