Ting bu dong – Ich verstehe nicht

Es ist ein Uhr mittags. Irgendwo im Haus wird unentwegt gehämmert. Aber ich hätte jetzt doch gerne ein wenig Mittagsruhe. So rufe ich unten in der Lobby an: Können Sie bitte etwas unternehmen. Im Haus wird gearbeitet. Ich höre jemanden seit längerem hämmern. – Ist es ihr Nachbar? – Nein, irgendwo unter oder über mir, kein Nachbar. – Ich werde nachfragen, ob Handwerker im Haus sind. Ich melde mich wieder – Das wäre eigentlich nicht nötig, die einkehrende Ruhe signalisiert mir, dass er fündig geworden ist. Doch dann klingelt es. Eine Frauenstimme fragt, ob ich chinesisch spreche. Wie immer in diesen Fällen, verneine ich es. „Oh! Wir haben keinen Hammer.“ – Ok, antworte ich und frage mich, wer hier nichts versteht.

Irgendwie komme ich immer mal wieder zu der Einsicht, dass Chinesen und Deutsche sich nicht verstehen. Nach dem Mondfest ist für Chinesen Winter. Überall sieht man die Menschen nun in Wintermänteln, mit Stiefeln etc bekleidet. Ich denke noch, dass vielleicht mancher seine neuen Sachen vorzeigen möchte. Oder die Sommerkleider mussten dringend in die Reinigung und bei der Gelegenheit hat man seinen Wintermantel wieder abgeholt, der den lieben langen Sommer lang in der Reinigung gut verwahrt war. Doch dann machen wir einen Fahrradausflug an den Westsee, weil das Wetter so schön ist und die Temperaturen mild, sitzen auf einem Mäuerchen am See und schauen den Anglern zu, die Windjacken haben wir ausgezogen, da kommt eine chinesische Familie vorbei und die Frau trägt nicht nur einen Wintermantel, sondern auch Wollschal, Wollmütze und Handschuhe. Wetten, dass sie unter ihre Hose noch eine lange Unterhose gezogen hat, alternativ die Schlafanzughose anbehalten hat und auch unter ihrem Pullover noch ein Pullover zu finden ist. Es ist Winter, auch wenn die Außentemperatur noch über 20 Grad beträgt. Meine Chinesischlehrerin schimpft richtig mit mir, als sie bemerkt, dass ich nur Söckchen unter der Jeans trage, viel zu kalt! Und kein Unterhemd, unmöglich! Wir befinden uns in unserer Wohnung. Die Temperatur beträgt 25 Grad, wir kriegen es einfach nicht kälter, trotz abgestellter Heizungen. Da werde ich bestimmt keine warmen Sachen tragen, solange ich in den eigenen Wänden bin. Aber immerhin soll ich die richtigen Dinge essen, meint sie. Viel Lauch und Chinakohl, regelmäßig ein paarEsskastanien – aber nur ein paar. Und viel warmes Wasser trinken. Kaltes Wasser ist so ungesund. Katja, junge Mutter, hat mir gerade erzählt, dass ihre Ayi, Haushaltshilfe, gemeint hat, das gestillte Baby habe Verdauungsprobleme, weil sie das Wasser zu kalt trinke.

Chinesen und Deutsche – ting bu dong

Auf der Seidenstraße

Mitten im August machen wir uns auf den Weg in Chinas Wüsten.  Wir sind diesmal: Klaus, Friederike, Tina und ich. Nach dreieinhalb Stunden Flug erreichen wir Ürümqi, am Rande der Wüste Gobi, ganz weit im Nordwesten Chinas. Unser Reiseleiter empfängt uns und führt uns erstmal ins Museum, zum Kennenlernen der Geschichte und der Volksgruppen dieser Region, die offensichtlich nicht sehr chinesisch ist. Aber im Museum gibt es einen kleinen Stoffstreifen, auf dem tatsächlich etwas in chinesischen Schriftzeichen geschrieben steht, und der schon sehr alt ist und hier gefunden wurde. Damit steht fest: altes chinesisches Herrschaftsgebiet. Neben diesem liegt allerdings etwas in griechischer Schrift, auch hier gefunden. Altes griechisches Herrschaftsgebiet? Mich wundert es nicht, dass an einer alten Handelsstraße sehr unterschiedliche Fundstücke zu entdecken sind. Territoriale Besitzansprüche sind damit aber wohl nicht zu begründen. Kein Wunder, dass die muslimischen Uiguren und Tadschiken, die hier zu Hause sind, sich gegen die chinesische Herrschaft auflehnen. So sind viele Soldaten und Polizisten unterwegs, alles Han-Chinesen. Und wir lernen: wer etwas werden will oder studieren möchte, muss in die Schule gehen, in der als erste Sprache Chinesisch gelehrt wird. Dabei sprechen die Menschen hier eher eine Abart des Türkischen, aber mit Uigurisch als erster Schulsprache kann man höchstens Bauer oder Handwerker werden. Damit gehört man in China zur Unterschicht – das ist nicht meine Wortwahl, sondern die ganz offizielle. Ich möchte nicht vergessen zu erwähnen, dass wir im Museum auch noch eine besondere Attraktion zu sehen bekommen: Wüstenmumien, recht gut erhalten. Sie können durchaus mit Ötzi mithalten, den ich vor einigen Jahren in Bozen betrachten durfte. Ich weiß überhaupt nicht, warum diese Menschen nicht in ihren Gräbern bleiben durften. Von Totenruhe kann in gut besuchten Museen keine Rede sein. Anschliessend geht es zu einem sehr fleischbetonten Abendessen – trotz Ramadan – , etwas arabisch angehaucht, und danach dürfen wir wieder ein Flugzeug besteigen und fliegen eine Stunde nach Süden, um in Kashgar zu landen.               Kashgar ist im Gegensatz zu dem sehr modern wirkenden Ürümqi eine alte Stadt, auch wenn die Behörden gerade versuchen, die alten Häuser zu zerstören, um die Straßen breiter und die Altstadt überschaubarer zu gestalten. Sie sprechen von Feuergefahr und Hygienemaßnahmen und zerstören wunderschöne Gebäude und altes Kulturgut. In Kashgar besuchen wir die Grabstätte von Abakh Khoja, den die Uiguren als Sayid, einen Nachfahren des Propheten Mohammed verehren und die größte Moschee im Lande, sehen zu wie am Ramadan-Abend das Fastenbrechen stattfindet, essen im Anwesen einer sicherlich etwas wohlhabenderen Familie unter Weinranken Hammelfleischspieß, Joghurt, Fladenbrot, Melonen etc., doch die größten Attraktionen dieser Stadt sind 1. der sonntägliche Viehmarkt, zu dem Tausende von Bauern und Händlern anreisen, zu Fuß, per Eselskarren, Kleinlaster, Großtransporter, um ihre Schafe, Ziegen, Esel, Rinder, Yaks etc. zu verkaufen, 2. der Basar, auf dem alles, einfach alles zu erwerben ist und der am Sonntag von den Frauen heimgesucht wird, die mit ihren Männern in die Stadt gekommen sind, 3. die Altstadt, in der wir den Handwerkern zusehen können, wie sie ihre Kupferkessel verzieren, Holz biegen, Instrumente herstellen oder Zähne ziehen.  Doch, doch, Zahnbehandlung sieht hier nach Handwerk aus, nicht einmal Kunsthandwerk, erst recht nicht Heilkunst. Man erlernt es in zwei Monaten. Wir haben den Eindruck in einer arabischen Welt zu sein, aber nicht mehr in China. Kein Wunder – in Kashgar sind über 80 % der Bevölkerung Tadschiken und Uiguren. Wer es nachempfinden will, sollte sich den Film Drachenläufer ansehen, der in Kashgar gedreht wurde, auch wenn die Handlung eigentlich in Afghanistan spielt. Die afghanische Grenze ist ja auch nicht weit. Und auch Pakistan ist nicht weit, das gerade durch Regenfluten unterzugehen droht. Auch diesseits des Pamir gab es starke Regenfälle und so ist bis zum Abend vor unserer Abfahrt Richtung Taschkurgan nicht klar, ob die Straßen wieder befahrbar sein wird.           Doch wir fahren los, neben der Straße schlängelt sich ein Flüsschen durchs Gelände. Je weiter wir kommen, desto schmaler wird das Tal, desto reißender der Fluss. Und dann ist es soweit: die Straße ist weggebrochen, wir fahren durchs Gelände, unter uns „Sandkastensand“, neben uns Lehmhäuser, vor und hinter uns schwer beladene Lastwagen. Wir kommen durch, auch an der nächsten Bruchstelle und auch über die überschwemm-ten Straßenabschnitte. So erreichen wir den Karakulsee, zu Füßen des über 7000 m hohen schneebedeckten Berges Muztagata. Unsere jungen Damen üben sich hier im Kamelreiten, wir bewundern die tolle Landschaft. Der zu überwindende Pass ist über 4000 m über dem Meeresspiegel gelegen, was den zahlreichen Murmeltieren offensichtlich nichts ausmacht. Bevor wir Taschkurgan erreichen müssen wir noch eine Passkontrolle durchlaufen, da wir uns im unüberschaubaren Grenzgebiet des Karakorum Highway befinden. Endlich erreichen wir die letzte chinesische Stadt vor der tadschikischen Grenze. Taschkurgan bietet neben einem sehr netten Hotel mit bestem Essen einige Besonderheiten: zum einen gibt es den steinernen Turm, oder die „steinerne Stadt“, eine riesige Ruine, von der man nicht genau weiß, ob sie Burg oder Tempel war. Bereits Ptolemäus hat sie vor 2000 jahren erwähnt, als letzten bekannten Ort auf der Seidenstraße – von Rom aus gesehen. Und auch für Chinesen soll es der letzte bekannte Ort der Seidenstraße gewesen sein. Hier am Ende der Welt findet man zudem ein wunderbares Grasland, also eine von einem Flüsschen durchschlängelte Wiesenlandschaft, getupft mit Zelten und belebt mit Ziegen, Schafen, Yaks und Kamelen. Und vielen Soldaten. Wir erleben sie allerdings nur singend. Auf unserem Rückweg wird das Wetter besser, die Straßenverhältnisse verschlechtern sich und Abdul erwägt, uns einen zeitlich gesperrten Straßenabschnitt zu Fuß passieren zu lassen und einen zweiten Wagen zur Abholung auf die andere Seite zu bestellen. Doch dann ist die Passage wieder möglich und wir kommen doch noch pünktlich in Kashgar an, um weiterzufliegen.                     Unsere nächsten Ziele sind Tuyu Gully und Turpan. Auf schnurgerader Strecke fahren wir an unzähligen Windrädern und Riesen-LKW vorbei nach Turpan, einer Oasenstadt in der Nähe der Wüste Gobi. Hier wachsen vor allem Weintrauben und Melonen bewässert durch ein einmaliges System von aus Brunnen gespeisten unterirdischen Kanälen – Karez genannt. In speziellen Trockenhäusern hängen die Trauben und werden zu Rosinen. Auch der hiesige Wein schmeckt prima. Turpan ist übrigens der dritt-tiefste Ort auf unserer Erde, 155 m unter dem Meeresspiegel. Rundherum ist steinige Wüste, die heißeste Gegend Chinas, und wir fahren an den „Flammenden Bergen“ vorbei nach Tuyu Gully, einem sehr alten, aus Lehmbauten bestehenden noch bewohntem Dorf, in dessen Nähe es sehr viele Höhlen gibt, die einst mit Buddhastatuen und ähnlichem gefüllt waren. Einige, besonders deutsche, Forscher haben diese Figuren gestohlen und nach Berlin gebracht, wo sie während des 2. Weltkrieges entweder zerstört oder geraubt wurden. Wir passieren bizarre Felsformationen, gelangen in die Sandwüste und erleben den Sonnenuntergang auf einer riesigen Düne.                Jiaohe, eine Ruinenstadt aus dem 2. Jhd vor Chr., die wir am nächsten Tag besuchen, zeugt von der frühen Besiedlung dieses Gebietes, der Bedeutung ehemaliger Königreiche und den Fähigkeiten seiner Bewohner. Es ist unglaublich heiß, aber unser Reiseleiter meint, es sei noch kühl, nur 37 Grad im Schatten. Es könnten auch um die 50 sein. Das Emin Minarett in Turpan ist ein weiteres ganz besonderes Bauwerk. Hier in der Moschee fallen uns die Überwachungskameras auf. So können die Behörden mithören und zudem überprüfen, dass niemand unter 18 Jahren in die Moschee kommt. Keine Religionsgemeinschaft darf in China Kinder religiös erziehen oder unterrichten. Für Buddhisten in Yunnan scheint es Ausnahmen zu geben. Vor unserer Abfahrt essen wir noch in einem Kellerrestaurant – schön kühl! – frisch gemachte tolle Nudeln, Fleischspieße und supersüße Melonen. Nach einer langen Autofahrt erreichen wir Ürümqi-Airport 5 Minuten vor Eincheckschluss. Aber wie alle Flüge zuvor, wird auch dieses Flugzeug mit deutlicher Verspätung starten. Noch eine Sicherheitsmaßnahme? An diesem Nachmittag gab es einmal mehr einen Anschlag in der Nähe von Ürümqi, der mehreren Uiguren das Leben kostete. Wir haben allerdings nur Polizei gesehen. Die alte Seidenstraße ist faszinierend, die politische Lage dort längst nicht gelöst.  (Dieses Schreibsystem erkennt keine Absatzzeichen, daher die merkwürdigen Lücken)

Fußballweltmeisterschaft in China

Kann sich irgendwer in Deutschland vorstellen, was es für uns hier heißt, mit der deutschen Nationalelf mitfiebern zu wollen? Heute z. B. sind die meisten Deutschen sehr früh zu Bett gegangen, denn das Spiel gegen Spanien beginnt um 2.30 Uhr in der Nacht. Und ihr glaubt es nicht. Vor zwei Tagen erhielten wir eine Einladung in die Deutsche Botschaft, mit dem Hinweis, Einlass zu der Veranstaltung sei von 2.oo Uhr bis 2.3oUhr. Aber wir verzichten diesmal auf botschaftliches Freibier und bleiben daheim. Da kann man direkt wieder ins Bett fallen und muss nicht noch nach Hause wanken. Denn wo bekommen zweihundert Fußballfans um 4.30 Uhr je ein Taxi her?

Am Samstag haben wir zum ersten Mal am Public Viewing teilgenommen. Angeblich gab es am Osttor des Arbeiterstadions – nicht weit von uns – Bierzeltgarnituren und Großleinwand. Leider fdand dort am Samstag auch ein Konzert im Stadion statt, sodass das PV ausfiel. Mit unseren Freunden schalteten wir schnell um auf die Leinwand am großen neuen Adidasshop und tatsächlich kamen wir noch rein.

Zwischen lauter Chinesen, die meisten hielten immer zur gerade stürmenden Mannschaft, denn man will ja zu den Siegern gehören, saßen wir und sahen ein rasantes Spiel mit chinesischen Kommentaren – auch nicht schlimmer als Delling und Netzer! Wir waren nur eine kleine deutsche Schar dort. Doch anschließend auf der Dachterrasse der Nali Bar schienen die Deutschen unter sich zu sein. Ich denke, deutlich mehr als hundert Deutsche feierten mit Gesängen, Rufen, Tänzen und viel Bier den Sieg über die argentinische Mannschaft. Den Anpfiff des spanischen Spiels sahen wir noch dort, aber dann sind wir heimgefahren.

Heute feiern wir nicht, egal ob Sieg oder Niederlage, denn morgen ist wenige Stunden später wieder Arbeitstag. Die Putzfrau kommt drei Stunden später, die Chinesisch-Lehrerin statt morgen früh erst am Freitag.

Und eine Freundin hat ihren Flug nach Deutschland um einen Tag vorgebucht.  Jetzt kommt sie passend zum Endspiel daheim an. Ach, wir haben dann noch mal solch eine verkorkste Nacht, falls der Oktopus irrt.

Die alte Rinder Schleife

Ganz China hatte mal wieder drei Tage frei: Drachenbootfest. Einer dieser freien Tage musste allerdings am Samstag vorgearbeitet werden. In manchen Firmen wurde auch am Sonntag gearbeitet. Dafür konnten alle von Montag bis Mittwoch wegfahren – und das machten natürlich auch alle, die es irgendwie bezahlen und noch einen Fahrzeugplatz bekommen konnten. Wir flogen nach Datong, unter uns immer die Lange Mauer, zusammen mit Astrid und Dieter, die auch seit Jahren in Peking leben. Dort empfing uns unsere Fremdenführerin namens Shakery und ein Fahrer. Datong ist häßlich und luftverpestet, deshalb fuhren wir gleich weiter, immer an der Mauer entlang, um in gelb-grüner Landschaft wieder durchatmen zu können. Shakery stiefelte mit uns die Hügel hinauf zu den Resten der Chinesischen Mauer, die hauptsächlich noch als Erdwall zu sehen ist, da die Bauern der Umgebung die Ziegel zum Häuserbau weiterverwendet haben. Über Stock und Stein kletternd erlebten wir die Mauer hautnah. In den wenigen Wehrtürmen fanden wir etwas Schatten und Kühle, ansonsten war es sehr sonnig und über 30 °C warm. Nach einigen Stunden kehrten wir zum Mittagessen in ein Lokal ein, in dem neben einigen Klapptischen und Hockern auch ein Bett stand. Vis a vis besuchten  wir ein Lehmdorf, mit Mauerresten, Eselskarren und Dorfbrunnen. Weiter ging es zu einer Paßhöhe, an der laut Shakery Mao tse dong die japanischen Agressoren abgewehrt habe und von der es heiße, wenn dort nur ein Mann stünde, kämen 10.000 Feinde nicht rüber. Auf der anderen Seite liegt  die Innere Mongolei – Hohhot ist nicht weit. Leider wurden hier gerade die Mauerreste und etliche weitere alte und neue Gebäude neu aufgebaut; eher nicht zu Abwehrzwecken, sondern zur Ankurbelung des Fremdenverkehrs. Gegen Abend besuchten wir noch ein Dorf, in dem es sehr ursprüngliche bewohnte Höhlenwohnungen gibt – in Mauerresten – aber auch andere nicht sehr luxuriöse Bauten, deren Bewohner uns zunächst skeptisch betrachteten, dann aber doch freundlich Bekanntschaft schlossen. Nur Shakery gefiel das nicht. So zogen wir irgendwann ab und bezogen unsere Hotelzimmer – wohl wissend, dass die nächste Nacht weniger bequem sein würde.

Früh morgens ging es weiter – trotz Navi fanden wir den Weg – über katastrophale Straßen, durch schreckliche Tunnel und an Massen von Kohlelastern vorbeifahrend zunächst zum Huang he, dem Gelben Fluss, der hier überhaupt nicht gelb ist, sondern grün – Stauwerke machen es möglich! Nach dem Beschreiten einer Hängebrücke setzten wir die Fahrt auf noch unangenehmeren Straßen, allerdings mit sehr wenig Verkehr, fort.

Und irgendwann erreichten wir die Alte Rinder Schleife, Laoniuwan, den Ort, an dem die Mauer zum ersten Mal auf den Gelben Fluß trifft. Da dieser hier aufgestaut ist, liegen sowohl ein Teil der Mauer wie auch das alte Unterdorf unter Wasser. Eindrucksvoll taucht dementsprechend die unrenovierte Mauer auf der einen Seite in den Huang he um auf der anderen, frisch wieder aufgebaut, in unzähligen Stufen den Berg hinaufzuziehen. Über allem thront ein altes Kastell und ein unbewohntes altes Dorf , das gerade tourismusgeeignet ummantelt wird. Wir kamen bei einem Bauern im neuen Dorf unter. Jedes Paar hatte einen Raum mit Kang und Tür zum Hof zur Verfügung. Ein Kang ist ein gemauertes Bett, das mithilfe eines danebenstehenden Ofen beheizt werden kann. Im Sommer ist es unbeheizt, aber hart. Bad gab es keines. Die Toilette war die gemeinschaftlich genutzte  Bude mit zwei Löchern über dem Abgrund, im Hof stand eine Emailschüssel mit Wasser zum Waschen. Dafür entdeckten wir bei unseren Wanderungen durch die Umgebung einen Heuschober, der sich als Tempel herausstellte – mit wunderbaren Wandmalereien. Shakery war begeistert und muste es sofort dem Fremdenverkehrsbeauftragten melden. Als Astrid am nächsten Morgen dies auch sehen und fotografieren wollte, war es ihr leider verwehrt, da ein Bauer das stille Örtchen für seine Notdurft nutzte.Bislang dachte ich immer, nur den Kirchen in Russland wäre so etwas angetan worden. Mir ging es doch sehr nahe, dass ein heiliger Ort derart missbraucht wurde. Shakerys Begeisterung tat gut.

Am letzten Tag schlug das Wetter um, einen Marktbesuch konnten wir noch bei Sonnenschein genießen, eine alte Festung wurde leider wegen eines Donnerwetters schnellstbesichtigt. Trotz ewiger Kohlelasterschlange, die wir todesmutig überholten, erreichten wir pünktlich unseren „Kanonenkugelzug“, der uns in drei Stunden von Taijuan ins völlig verregnete Peking zurückbrachte – zurück in die Zivilisation.

Scharlatane

Ich hab mich schon immer über die chinesischen Schwangeren gewundert. Die meisten von ihnen tragen mindestens sieben Monate lang unförmige, häßliche, zumeist graue oder beige Westen. Ich dachte, das sei Tradition oder sie fänden es vielleicht schön. Aber nun wurde ich eines besseren belehrt. Wie alles chinesische Essen und Trinken, alle möglichen Bewegungsformen und Körperklopfriten sollen auch diese Schwangerenzelte gesund sein.  Die Frau von Klaus‘ Kollegen ist schwanger und sie erzählte, dass ihr chinesischer Chef gemeint habe, wenn sie so viel am Computer arbeite, müsse sie unbedingt eine solche Weste tragen. Diese sei mit Metallfäden durchwirkt, die die schädlichen Strahlungen abhalte. Eine chinesische Kollegin bat sie daraufhin, von ihrem nächsten Besuch in Deutschland doch bitte eine solche Weste für sie mitzubringen. In Deutschland seien die bestimmt von viel besserer Qualität und sicherlich auch schöner. Auf Katjas Aussage, in Deutschland gäbe es so etwas überhaupt nicht und keine Schwangere würde sich darüber Gedanken machen, erntete sie völliges Unverständnis. Als Physiker hat auch Klaus eine klare Meinung zum Strahlensack: Humbug. Es muss schon ein sehr gerissener und überzeugender Geschäftsmann gewesen sein, der die chinesischen Frauen derart verunsichern und anschließend überzeugen konnte. aber gerade vor einigen Tagen las ich, dass ein Arbeiter sich als TCM-Arzt ausgegeben habe und ein Buch veröffentlichte über die Heilkraft von Mungbohnen gegen Aids und Krebs usw. Es verkaufte sich seit Februar mehr als 3 Millionen mal und wurde im Fernsehen angepriesen. Die Patienten standen Schlange bei ihm und er war ausgebucht bis 2012. Doch seine Verschreibungen waren immer die selben, das fiel auf und so wurde er doch noch erwischt.Sein Verleger aber meint, der Erfolg gebe dem Mann doch recht, auch wenn er keine Ausbildung als Arzt habe. Man muss die Leute nur hinters Licht führen können, das scheint genug Können zu sein.

Von Mönchen und Mäusen

Ich weiß, ich weiß, der Titel heißt eigentlich anders und dann gehören die Mäuse auch nach vorne, aber um den Tatsachen und der Chronologie gerecht zu werden, muss er so lauten.

Wir waren einmal mehr unterwegs in China. Direkt nach unserer Reise durch Vietnam (Bericht kommt später) beschlossen wir, mal wieder ursprüngliches China erleben zu wollen. Also suchte ich die Provinz aus, die von touristisch interessierte Chinesen völlig unbeachtet bleibt und mit keinerlei besonderer Attraktion verbunden wird: Qinghai, nordöstlich von Tibet, auf dem tibetischen Hochplateau. Am Tag, als ich die Reise zu bezahlen hatte, passierte es. Qinghai war in allen Nachrichtensendungen präsent. Ein heftiges Erdbeben hatte sich in Yushu ereignet. Auf der Karte sah ich: Yushu liegt im Süden, Xining und Tongren im Norden. Qinghai ist doppelt so groß wie Deutschland. Wenn es in Berchtesgaden wackelt, merkt das kein Mensch in Schleswig. Und es waren ja noch drei Wochen bis zu unserem Tourstart. Unser Flugzeug war die erste wieder regulär fliegende Maschine nach dem Erdbeben. Alle anderen hatten noch Hilfstruppen, Zelte etc. mitgenommen. Als wir, unsere Reisegruppe mit 18 Menschen, in Xining landeten, sahen wir Krankenwagen, die auf Erdbebenverletzte warteten, die mit einem Flugzeug von Yushu kommen sollten. Irgendwann in diesen Tagen sah Klaus auch die Autokolonne mit Wen Jiabao, der einen Krankenhausbesuch machte. Aber ansonsten merkten wir nichts vom Erdbeben.

Dafür durften wir beeindruckende Landschaften, Tempel und Menschen kennenlernen. Wir bewegten uns auf Höhen von 2000-3000 m üM.  Und sahen Berge, die noch um etliche Meter höher waren, teilweise wirkte es wie in den Rocky Mountains. Zudem begann es gerade, grün zu werden, auch wenn wir noch Reste von Schnee und Eis entdeckten. Nur wenige Menschen leben in diesen Bergen, vor allem Hirten mit großen Schaf-, Ziegen- und Yakherden. Die kleinen Dörfer bestehen aus einstöckigen Lehmhäusern, die jeweils eine Lehmmauer umgibt. Ein Obstbaum im inneren Garten blühte gerade und außen an der Mauer trockneten die Kuhfladen, um später als Feuerungsmaterial zu dienen. Es waren Dörfer der Sala und Hui, Minderheiten arabischen Ursprungs mit muslimischem Glauben. Wir hatten das Glück, nach dem ersten Mittagessen spontan bei einer Begegnung auf der Straße von einer Großfamilie zu sich nach Hause in ihr Dorf eingeladen zu werden. Mit ihnen gemeinsam fuhren wir im Bus über schmale Schotterstraßen ins „Nirgendwo“, so wirkte es auf mich.Zunächst wurden wir alle im Haus mit sehr typischem Früchtetee versorgt, am liebsten hätten sie auch noch für uns gekocht. Aber wir zogen nach einer Stunde voller Dank weiter. Neben den Hui leben vor allem Tibeter in dieser Provinz und so besuchten wir als nächstes das Haus des 10. Panschen Lama. Es war das erste in einer langen Reihe beeindruckender buddhistischer Tempel und Schulgebäude. Die Farbigkeit dieser Tempel, die Masse der Gebetsmühlen, die ewigdauernden Rituale und Gebete, die freundlichen Menschen mit ihren von harter Arbeit und rauem Klima gezeichneten Gesichtern ließen mich ständig zum Fotoapparat greifen. Nur die Mönche sahen eigentlich eher weichgespült aus, wie sie so in ihren roten Kutten daherkamen, oft mit Motorrädern, manchmal auch im Taxi. Ja, wir wurden auch mal von ihnen angebettelt, aber das war die Ausnahme. Die Nonnen dagegen hatten alle hart zu arbeiten, wie es überhaupt auffiel, dass die Tibeterinnen die schwere körperliche Arbeit machten. Bei den Kindern, nur mit ihnen konnten wir uns ohne Reiseleiter unterhalten, da sie in der Schule neben tibetisch auch chinesich und in späteren Jahren auch englisch lernen, stellten wir fest, dass die Mädchen sprachlich fitter und auch neugieriger auf Fremde waren.

Unser zweites Ziel war der Kambala Forest Park,- Google kennt ihn nicht! – eine beeindruckende Natur oberhalb des zweitgrößten chinesischen Staudaums am Gelben Fluss, der hier noch strahlend blau ist. Neben Bootsfahrt und Bergtour, Dorf und Klöster, hielten uns Mäuse auf  Trab. Leider hatte unser Hotel irgendwie die Anschaffung von Katzen vergessen, sodass es in der Nacht in diversen Zimmern raschelte, nagte und anschließend laut wurde  durch die Jagd auf die Störenfriede. Es war das einzige Hotel vor Ort – aber wir reisten eh wieder ab. Wen wir übrigens nicht gesehen haben (nein, nein, der ewig lächelnde Obertibeter war fotografisch in jedem Tempel zu sehen) : Touristen. Qinghai könnte einige mehr gebrauchen, bloß nicht zu viele!

Urlaubsbeschäftigungen

Offensichtlich hab ich mich jetzt völlig auf den langen Urlaub in China eingestellt. Ich schreibe nicht einmal mehr regelmäßig in diesen Blog. Dabei hatte ich mir zu Sylvester in Deutschland vorgenommen, im neuen Jahr sogar häufiger zu schreiben. Nun, in China laufen die Uhren bekanntlich anders, erst recht der Kalender und so ist heute wieder Sylvester. Eine prima Gelegenheit, den Vorsatz in die Tat umzusetzen. Vor allem auch deshalb, weil die Einzige, die mir noch regelmäßig aus der Gemeinde schreibt, mich heute an den Blog erinnerte.

Ja, die Gemeinde ist weit weg und China kommt immer näher. Seit einiger Zeit engagiere ich mich deutlich mehr in der deutschen Patengruppe, bei den chinesischen Projekten, die wir betreuen, heißen wir deguo mama, „deutsche Mütter“. Seit November bin ich damit eigentlich im Dauereinsatz. Das von mir betreute Projekt kommt dabei fast zu kurz. Es ist eine Schule für Eltern autistischer Kinder, in der Eltern und Kinder geschult werden, vor allem, damit die Eltern lernen, wie sie ihre Kinder fördern können. Da ich auch die Koordination der Projekte übernommen habe, muss ich zur Zeit alle Projekte ordentlich kennen lernen.

So hatten wir im November den Weihnachtsmarkt in der Deutschen Botschaft, auf dem sich auch die Projekte vorstellten. Immerhin fließt der Gewinn an sie. Im Dezember trafen wir uns mit den Projektleitern und übergaben ihnen unsere Spenden, insgesamt fast 50.000 Euro, ein wenig ist noch für zwischenzeitliche Unterstützung zurückgelegt.

Im Januar besuchten wir das Projekt Huiling, quasi eine beschützende Werkstatt, in der geistig behinderte Menschen zwischen 15 – 61 Jahren tagsüber basteln, malen, kochen, Theaterspielen, singen und musizieren, Ausflüge machen und hauswirtschaftliche Betätigungen erlernen. Es gibt in Peking mehrere dieser Häuser. Und sie haben verschiedene Unterstützer, da sie vom Staat kein Geld bekommen, sondern im Gegenteil auch noch Steuern auf ihre Einnahmen zahlen müssen. So trafen wir Beauftragte von Misereor, die ein Computer gestütztes Lernprogramm für Eltern und Behinderte vorstellten, was von Misereor gesponsort wird. Auch die Kontakte zu anderen Sponsoren sind wichtig, da die Notwendigkeit von finanzieller Unterstützung bei den Projekten sehr unterschiedlich ist. Hier einen Durchblick zu bekommen erfordert von mir zur Zeit viel Aktenarbeit.

Vor einigen Tagen besuchten wir Sun Village. Eine ehemalige Polizistin hat mit diesen „Sonnendörfern“ – es gibt mehrere in China – etwas ganz notwendiges geschaffen: Kinderheime für Kinder Strafgefangener. Sie kommen oft aus sehr schwierigen Verhältnis, oftmals hat ein Elternteil den anderen umgebracht. Hier finden sie ein neues Zuhause, haben Schulunterricht, lernen Landwirtschaft, werden musisch gefördert. Und sie haben regelmäßigen, meist telefonischen Kontakt zu Vater oder Mutter. Das konnten wir gerade miterleben, es war herzzerreißend, wie ein kleiner Junge zitternd am Telefon mit seiner Mutter sprach. Ein anderer Zweijähriger stand weinend im Babyzimmer mit einer Betreuerin, die ihn genauso wenig verstand wie wir, da er eine uigurische Mutter hat und kein chinesisch spricht. Sie sollte aber wieder aus der Untersuchungshaft entlassen werden und alle warteten auf ihre Ankunft, nur der Sohn begriff es nicht. Das jüngste Kind im Babyzimmer ist vier Monate alt. Die ältesten Kinder in Sun Village sind 17 Jahre alt und übernehmen auch Betreuungsdienste bei den Jüngeren. Allen brachten wir „Hongbaos“ zum Chinesischen Neujahrsfest. Das sind roten Taschen mit Geschenken gefüllt. Jeder der 100 Hong (rot) bao (Taschen) enthielt: Trinkbecher und Schale, Süßigkeiten, getrocknetes Fleisch und Obst, Stofftiger zum neuen Jahr des Tigers, Zahnbürste. Das gemeinsame Füllen am Vortag hatte bereits Spaß gemacht, noch mehr freuten wir uns, als die Kinder zum Dank ein Lied mit Zeichen der Gebärdensprache sangen (es gibt auch gehörlose Kinder in der Einrichtung).

Für mich war es auch besonders schön, bei diesem Projekt zusammen mit einer weiteren der wenigen deutschen Bayer Expat-Frauen tätig sein zu können.

Aber jetzt ist tatsächlich erstmal Urlaub angesagt, denn alle Chinesen machen Urlaub zum Neujahrs-Frühlingsfest, das eine Mischung aus unseren Weihnachten- und Sylvesterfeiern ist.

Was – Wo – Wieviel?

Was machst du nur die ganze Zeit in Peking?  Nun, es gibt viel zu tun. Zur Zeit bin ich schwer beschäftigt mit Weihnachtsvorbereitungen. Nein, nein, keine Predigten schreiben oder Krippenspiele konzipieren. Wir bereiten den Weihnachtsmarkt auf dem Botschaftsgelände vor. Da gibt es viel zu tun. Weihnachtsschmuck basteln, alles zurechtmachen, damit kurzfristig frische Adventskränze gebunden werden können – die nadeln hier leider viel schneller als in Deutschland – und Freiwillige müssen gefunden werden, die an diesem Tag Standdienste übernehmen, als Nikolaus Geschenkchen verteilen, oder am Vortag beim Aufbau helfen. Immer mittwoch morgens treffen wir uns zur ehrenamtlichen Arbeit, aber auch zum Kaffee trinken und zum Informationsaustausch. Und der ist nicht unwichtig.

Meistens geht das so: „Du hast schon wieder eine neue Brille! Schick!“  – „Ja, ich hab da einen Optiker entdeckt, der macht das alles perfekt zu einem Super-Preis.“  – „Aber, die Qualität?“  –   „Ich habs überprüft. Er hat beim Vermessen die gleichen Werte wie der Augenarzt rausbekommen. Und die Gleitsichtgläser funktionieren optimal. Nach einem Tag hatte ich meine Brille. Und die gebogene Sonnenbrille mit Gläsern meiner Stärke und verlaufender Tönung war einen Tag später auch fertig.“

Und schon fragen alle drumherum: „was – wo – wieviel?“ und es wird ein Termin ausgemacht, um gemeinsam dieses Wundergeschäft zu betreten, damit man von den ausgehandelten Superkonditionen der Kollegin profitieren kann.

So fuhr ich gestern mit zwei Bekannten zu einem großen Gebäude weit außerhalb, wo es Kaschmirstoffe und -Wollen in bester Qualität zu Spitzenpreisen gibt. Beladen mit Mantel- und Anzugstoffen, Futterseiden und Knöpfen zogen wir nach 90 min wieder zufrieden ab. Für Strickwolle hatte ich keine Hand mehr frei. Mein Portemonnaie hätte allerdings noch mitgemacht – es waren wirklich gute Preise. Und am Abend ging es samt Ehemann zum empfohlenen Schneider, damit er für den Deutschen Ball noch pünktlich einen schwarzen Anzug bekommt.

Diese Adressen weiter zu geben darf man nicht vergessen, denn diese Häuser zu finden ist wirklich schwer. So sammeln wir mingpians – Visitenkarten – ein und machen neue Termine mit anderen Bekannten aus.

Manche Adresse ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. So gibt es eine Taschenhandlung, die wohl sehr gute Taschen, sehr teure Marken, zu sehr günstigen Preisen verkauft. Wer an einer bestimmten, völlig unscheinbaren Tür klopft, wird zunächst kritisch beäugt, die Umgebung wird ebenfalls misstrauisch beobachtet, erst dann darf man eintreten. Ihr Mann habe sie, nachdem sie ihm angesichts der neuen Tasche davon berichtete, gebeten, diesen Laden nicht mehr zu betreten, erzählt eine Mitstreiterin. Bei einer Polizeirazzia zufällig dort anwesend zu sein und aufs Revier mitgenommen zu werden würde für den Gatten – seines Zeichens Wirtschaftsprüfer –  das berufliche Desaster bedeuten. Aber sie meinte, die Warnung sei überflüssig gewesen. Ihr habe das Herz schon so zu heftig geklopft.

Aber wo sie sie findet, die perfekte Lederschneiderin, den besten Obst- und Gemüsemarkt, die Handlung für chinesische Möbel, die günstige Bezugsquelle für europäischen Wein, erfährt frau nur auf diesem Wege.

Wo man derzeit am besten essen gehen kann, wird mir heute abend mal wieder gezeigt werden. Einmal die Woche trifft sich der deutsche Chor und probt das Bach’sche Weihnachtsoratorium. Anschließend gehen wir essen. Was – wo – wieviel?

Gäste

In diesem Jahr bekamen wir viel Besuch aus Deutschland (und der Schweiz) – auch wenn nicht alle, die sich angekündigt hatten, gekommen sind.

Gäste sind eine willkommene Abwechslung im nun doch schon Alltag gewordenen Leben hier in Peking. Sie machen mir immer wieder deutlich, wie anders es hier ist. An vieles, das Gehupe, Durcheinanderfahren, die Menschenmassen, das Vordrängeln, die Lautstärke in Restaurants, die Gerüche der Menschen und der Umgebung habe ich mich längst gewöhnt.

Da ist es interessant, wenn die Gäste merkwürdige Fahrzeuge oder in unglaublichen Situationen schlafende Chinesen fotografieren, sich über günstigste Preise für Getränke, Schreibwaren oder Bücher wundern, die überall präsenten Sicherheitskräfte bemerken, die unendliche Zahl der modernen Malls und Hochhäuser in Peking betonen. Und manchmal wollen sie auch an Orte, die wir noch gar nicht wahrgenommen haben.

Viel schwieriger ist es, mit der Zeit noch zu wissen, welche Sehenswürdigkeiten man dem aktuellen Gast schon gezeigt hat und was noch nicht; was man selbst oder ein anderes Familienmitglied ihm bereits erzählt hat und auf welche wichtigen Einkäufe man ihn noch hinweisen muss. Besonders schwierig wurde dies, als unsere Tochter Friederike sechs Wochen lang da war, zunächst begleitet von einer Freundin, dann allein und anschließend mit ihrem Freund. Sie hat bestimmt manches mehrmals gehört und natürlich hat sie viele Sehenswürdigkeiten mehrfach gesehen – in wechselnder Begleitung.

Die schlimmsten Auswirkungen auf uns hat allerdings das allseits beliebte Essengehen. Manchmal denke ich, wir könnten mehr daheim kochen, aber unser Besuch will ja nun gerade keine deutschen oder italienischen Gerichte, wie sie bei uns üblich  sind, sondern alle wollen chinesisch essen, am liebsten einmal durch alle Provinzküchen hindurch. Und so essen wir Peking-Küche (inklusive  – Ente), Sichuan scharf, Yunnan fremd und exotisch, Hakka ursprünglich, Shanghai süß und essen und essen und essen jedesmal ordentlich chinesisch mit vielen verschiedenen Gerichten auf dem Tisch, bei denen jeder mit seinen Stäbchen zulangen darf (was alle Gäste schnell erlernt hatten). Außerdem gibt es noch wunderbarevietnamesische und thailändische Restaurants, der Inder kocht super lecker – und scharf! – und italienisch, deutsch oder vielfältig gesund kann man hier auch essen. Dazu wird so manches Glas Tschingdao (chin. Bier) geleert. Und wenn der Besuch weg ist, müssen wir dringend fasten.

Derzeit ist kein Besuch angekündigt. Wir haben auch eine etwas längere Fastenzeit sehr nötig.

space for monks

Wenn man schon mal in Asien ist, kann man den Sommerurlaub doch in Südostasien verbringen, dachten wir und fuhren nach Kambodscha und Thailand.

Meine Familie macht sich üblicherweise darüber lustig, dass ich mich vorher immer ausführlich mit unseren Reisezielen beschäftige. Diesmal war ich in dieser Beziehung eher nachlässig. Mit den Tempelanlagen von Angkor  kannte ich mich zwar ein wenig aus, aber zu Thailand hatte ich nichts gelesen. Wir wollten ja auch nur Badeurlaub auf einer Insel machen. Umgekehrt wäre es sinnvoller gewesen.

Am kleinen Flughafen der zweitgrößten Stadt Kambodschas, Siem Reap, wurden wir von einem freundlichen Reiseführer empfangen, der nicht nur englisch, sondern auch zu unserer Überraschung deutsch sprach – nicht perfekt, aber völlig ausreichend. Er brachte uns ins wunderschöne Hotel und anschließend ging es gleich los, die zahlreichen Tempelanlagen rund um Angkor Wat zu bestaunen. Drei Tage lang führte er uns mit kompetenten Ausführungen durch dieses Weltwunder. Wir staunten und schwitzten in tropischer Hitze, genossen die kambodschanische Küche, freuten uns über die Freundlichkeit der Menschen. Aber wir sahen auch die Armut und die Opfer von Terrorherrschaft und Bürgerkrieg, verkrüppelte Menschen, ohne Beine, ohne Arme, blind, manchmal mehrfach versehrt. Noch immer wird vor Landminen gewarnt. Kinder betteln oder verkaufen Souvenirs statt zur Schule zu gehen. Es gibt keine allgemeine Schulpflicht in diesem Land, in dem eine Familie durchschnittlich sieben Kinder hat. Die Hauptverkehrsmittel sind Motorräder, auf denen  wir bis zu fünf Menschen Platz finden sahen, und Tuktuks, die als Taxis genutzt werden. Erwähnen sollte ich noch, dass wir Elefanten und Affen und eine geflügelte Eidechse, quasi einen Minidrachen, getroffen haben.

Am vierten Tag flogen wir voller neuer Eindrücke, aber doch auch erschöpft von SiemReap nach Koh Samui, einer thailändischen Insel, mit noch kleinerem Flughafen.

Palmen, weißer Strand, blau-türkises Meer, tolles Hotel mit zwei großen Pools und ausreichend vielen Liegestühlen – was will man mehr, um sich zu erholen?  Keinen Sonnenbrand! Den haben wir uns nämlich alle drei geholt trotz 50er-Faktor-Sonnencreme und Regenschauern, die uns manchmal von Strand und Pool fernhielten. Es ist eben Monsunzeit. Der Taifun, der gerade unterwegs war, zog weiter östlich seine zerstörerische Bahn . Wir erholten uns wunderbar. Kein Problem!

Ein Tag Bangkok bildete den Abschluss unseres Urlaubs. Nach einer längeren Fahrt vom Flughafen ins Hotel fuhren wir mit dem Sky-train zum Fluss. Wir saßen nebeneinander in der Bahn, als eine Frau neben Charlotte aufstand und einem Mönch ihren Sitzplatz anbot. Dieser war weder alt noch gebrechlich, doch es gab offensichtlich Probleme. So wurde Klaus gebeten, aufzustehen und mit Charlotte die Plätze zu tauschen. Erst dann setzte sich der buddhistische Mönch.

Wir kauften Tagestickets für die Flussschiffahrt und bestiegen das nächste Schiff. Und konnten es gar nicht glauben. Da gab es doch tatsächlich einen „space for monks“ und die gelbgewandeten Herren ließen auch nicht lange auf sich warten. Die anderen Passagiere hatten Platz zu machen, besonders die Frauen. Die Thailänder beschäftigten sich allerdings mit etwas ganz anderem als wir. Auf dem Schiff stand ein europäisches Paar engumschlungen und küsste sich immer wieder. Ja, hätte ich mich doch vorher schlau gemacht! Dann hätte ich es gewusst. Thailänder berühren sich nicht in der Öffentlichkeit, des anderen Kopf anzufassen, ist so intim, dass man noch nicht einmal ein süßes kleines Baby streicheln sollte, geschweige denn eine Person des anderen Geschlechts küssen. Und Mönchen ist es strikt untersagt, mit einer Frau auch nur irgendwie in Kontakt zu kommen. Was hätten sie nur gemacht, hätte ich mich, unwissend wie ich war, neben sie auf die Bank am Pier gesetzt? Selbst wenn sie zufällig mit aufs Foto gerieten, hoben sie noch die Hand vor die Augen. Ansonsten staunten wir über die enormen Vorbereitungen zum bevorstehenden Geburtstag Königin Sirikits, über eine Massenansammlung von Wahrsagern und ihre zahlreichen Kunden ( ich hielt das ganze zunächst für eine Bingo-Veranstaltung) und wir waren enttäuscht über die Schließungszeiten der interessanten Gebäudekomplexe: 15.30 Uhr. Aber das Essen war schon wieder phantastisch lecker!

Und die Idee mit dem space for monks – darüber müsste ich noch mal nachdenken.

Wie wäre es mit: Sitzplätze für PfarrerInnen – in Bussen und Bahnen? Das gäbe eine Kirchenaustrittswelle!!!