Die Bibel

ein altes Buch – Gottes Wort – weitergegebene Erfahrungen mit Gott

Nachdem wir schon bei der letzten Stunde über die Gemeinde einen biblischen Text gelesen und besprochen hatten – wegen Corona als Kopie – und trotzdem schon einige über „dicke und dünne Zahlen“ stolperten, gab es nun ordentliches Anschauungsmaterial. Von der Senfkornbibel über die neueste Lutherjubiläumsausgabe bis zu großen im Jugendstil bebilderten oder noch älteren Bibeln, Bibeln auf englisch und chinesisch und natürlich AT auf hebräisch und NT auf griechisch brachte die amerikanische Version „The Book“ die Erkenntnis, dass Bibel einfach „Buch“ heißt.

Aber doch ein sehr dickes Buch mit vielen nummerierten Kapiteln und Versen, in dem man sich erst zurechtfinden muss bei all den merkwürdigen Namen der einzelnen Bücher, und dann fängt alles nach 2/3 Buch nochmal mit Seite 1 an – wer hätte das gedacht? Ja, ich hätte etwas mehr Bibelkenntnis erwartet nach 7 Schuljahren Religionsunterricht, aber nun, Konfirmand*innen lernen zwar nicht mehr die biblischen Bücher auswendig, aber sie lernen, dass es altes und neues Testament gibt, auch warum und wie sie entstanden sind und was in ihnen zu finden ist. Und weil sie so wenig Vorwissen haben, sind sie richtig neugierig und fangen an zu forschen.

Schade, dass jetzt erst einmal Herbstferien sind, aber danach geht’s weiter und dann feiern wir auch unseren ersten Konfi-Gottesdienst am 1. November um 19.00 Uhr im Gustav Adolf Haus.

Konfirmationspredigt 2020

Vorstellung der „Kirche für uns“
Als uns als Kirchengemeinden wegen Corona die Gottesdienste untersagt wurden, steckten wir gerade in der Vorbereitung unseres Vorstellungsgottesdienstes. Das Thema haben wir nun für die Konfirmation wieder aufgenommen:
Wie soll die Kirche für uns heute und morgen aussehen?
Acht Bilder sind entstanden zu acht Schlagworten.

Spiritualität – Gleichberechtigung – Feste feiern – Gemeinschaft – Ökologie – Liebe – Trost – Ökumene

Predigt
Es gibt einen sehr alten Witz zum Thema Konfirmation:
Ein Küster hat große Probleme, weil sich in seinem Kirchturm etliche Fledermäuse sehr zu-hause fühlen und ihre Spuren deutlich auf der ganzen Kirchturmtreppe hinterlassen. Er fragt seinen Pfarrer, ob der ein Mittel gegen die Tiere weiß. „Ich werde sie konfirmieren! Die Kon-firmanden sieht man ja nach der Konfirmation auch nicht mehr.“
Vielleicht sollte ich den Witz umkehren und fragen, wie kriege ich die Konfirmanden dazu, so sichtbar in der Kirche zu bleiben wie die Fledermäuse?
Die Fledermäuse werden sich nicht einfach vertreiben lassen, der Kirchturm ist genau richtig für sie: hoch, dunkel, luftig, feucht, mit hohen Öffnungen und wenig Menschen. Hier fühlen sie sich zuhause.
Und ihr Konfirmanden und Konfirmandinnen – was kann die Kirche tun, damit auch ihr bleiben und immer wieder herein kommen wollt? Was ist genau richtig für euch – und daraus ergibt sich auch die Frage, was ist es, was euch fernbleiben lässt?
Klar, ihr habt mit Schule, Sport, Hobbies viel zu tun. Aber ihr habt jetzt ja ein ganzes Jahr und dank Corona noch etwas mehr Konfirmandenunterricht auf euch genommen. Glauben und Gemeinde habt ihr näher kennengelernt und nun werdet ihr mit der Konfirmation Gemeinde-glied mit Stimme und bald auch, wenn ihr wollt, mit Verantwortung. Wie soll sie dann aus-sehen, eure Gemeinde, eure Kirche? Wie soll sie sein, damit ihr euch zuhause und wohl fühlt?
Gottesdienste sollen euren Glauben stärken, die eigenen Fragen und Probleme ansprechen, Gottes Geist wirken lassen. Ich denke, da muss sich etwas ändern in den Gottesdiensten. Sie können lebendiger sein, musikalisch moderner, vielleicht auch zu anderen Zeiten. Vielleicht auch an anderen Orten. Vielleicht auch digital, wie wir es momentan verstärkt versuchen. Auf jeden Fall in unterschiedlicher Form. Eben mit und für mehr Spiritualität.
Mehr aktive Menschen als jetzt gerade braucht eure Kirche. Nicht nur Pfarrerin und Kirchen-musikerin und das Presbyterium, sondern viele große und kleine, Alte und Junge. In der evangelischen Kirche ist das ja alles möglich, denn hier sind alle gleichberechtigt und dieses Miteinander kann überall in Kirche sichtbar und sehr verschieden gelebt werden. Kunterbunt und vielfältig soll sie sein. Rassismus, Ausgrenzung, Hierarchie hat keinen Platz. Gleichberechtigung wird groß geschrieben in eurer Kirche. Jede*r ist wichtig. Nur so kann eine Gemeinschaft entstehen, die sich trägt und unterstützt, in der einer von der anderen weiß und ihr euch gegenseitig helfen könnt. Individualisierung ist ein Zeichen der Zeit, als Kirche können wir füreinander da sein und miteinander trauern, miteinander feiern. Da wird keiner allein gelas-sen, der andere braucht. Vielleicht ist da die kleiner gewordene Gemeinde sogar besser für die Übersicht und das gegenseitig Kennen. In eurer Kirche findet ihr Trost in Zeiten der Traurigkeit, der Enttäuschung, des Abschieds. Ihr findet Menschen, die euch beistehen und ihr findet Got-tes ermutigenden Geist, der euch in Geschichten der Bibel näher gebracht wird, so dass ihr euch für ihn öffnen könnt. Und dann entdeckt eure Kirche auch, dass sie Feste feiert. Feste feiern hat sicher auch mit Feierlichkeit zu tun, aber auch ganz viel mit Fröhlichkeit und Leben-digkeit, mit gemeinsamer Freude. Das ist hier auf der Margarethenhöhe schon lange Praxis und kann nach Corona hoffentlich noch weiter ausgebaut werden.
Doch eure Kirche ist nicht nur ein geschlossener Raum, eure Gemeinde lebt nicht für sich allein. Auch das wird immer deutlicher und dringlicher. Eure Kirche mischt sich ein, wenn es ums Klima geht und um Gottes Schöpfung, wenn es um Krieg und Ungerechtigkeit in dieser Welt geht, wenn Menschen heimatlos werden, Tiere gequält, Artenvielfalt vernichtet wird. Eure Kirche bezieht Position und macht deutlich, dass die Basis ihrer Überzeugungen der Glaube an Jesus Christus ist.
Ökologie und Ökumene sind die Stichworte für dieses weltweite und schöpfungsorientierte Wirken eurer Kirche.
Und warum sieht eure Kirche so aus, warum kann sie so sein?
Weil es bei Gott um die Liebe geht. Weder Profilierungssucht noch Machtgedanken, weder Geldvermehrung noch Größenwahn haben da einen Platz. Aus Liebe ist die ganze Schöpfung entstanden. Gott wird in der Bibel wie ein liebevoller Vater, ein begeisterter, hegender Gärtner gezeichnet. Jesus spricht und handelt aus Liebe, nimmt sich aller Menschen an, erzählt nicht nur von Nächstenliebe sondern auch von Vergebung von Schuld, sodass wir auch mit uns selbst im Reinen sind und neue Anfänge wagen können.
Gottes Geist will euch für die Liebe begeistern.
Vor Monaten habe ich für eure Konfirmation den Spruch aus Psalm 18, Vers 30 ausgesucht:
Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.
Ich finde den einfach toll.
Es gibt so viele sichtbare und unsichtbare Mauern in unserem Leben. Hauswände, Grenz-mauern, Schulnoten, Kirchenmauern, Finanzprobleme, die A40, und jetzt auch noch Corona.
Lasst euch nicht abhalten von den Hürden, auf die ihr im Leben stoßt. Lasst euch ermutigen und helfen. Nehmt das an, was euch eure Gemeinde, euer Glaube mitgeben kann:
Vertrauen in Gott, der euch liebt und euch ermutigen wird.
Unterstützung durch Menschen, die euch schätzen und lieben.
Menschen, die auf Gott vertrauen, können ungeahnte Kräfte entwickeln. Dafür ist Gottes Geist uns geschenkt. Er soll uns lebendig machen, mutig, zuversichtlich.
In der Paradiesgeschichte – eine Geschichte ohne geschichtlichen Hintergrund aber mit viel Glaubenswahrheit – wird der Mensch erst durch Gottes Atem lebendig und aktiv.
Das ist Gottes Geist der in euch wirkt. Bei jedem Atemzug ist diese lebendige Kraft zu spüren. Deshalb steht auf euren Masken: durchatmen!

KU-Thema: Gemeinde und ich

Der Gemeindebrief „emmaus“ und die Gemeindekonzeption mit ihrem Leitbild geben den beiden KU-Gruppen Hinweise auf ihre Gemeinde. Was ist in der Gemeinde alles los? Wo kann man sich beteiligen? Was kenne ich? Und was bedeutet dieser merkwürdige Name Emmaus? Die Geschichte von den Emmausjüngern und die Übertragungen für die Gemeindearbeit bringen die Konfis auf die Spur.
In der darauf folgenden Stunde beschäftigen wir uns auch mit dem Presbyterium, den notwendigen Ausschüssen und den äußeren Merkmalen unserer Gemeinde: Alter, Größe, Kirchengebäude, Kitas, Glocken etc.
Die Frage, wie wird man Mitglied der Gemeinde und was muss oder darf man dann tun, leitet den Abschluss dieser Unterrichtseinheit ein.

KU unter Corona-Bedingungen

Es ist der 16. August 2020. Endlich kann der Konfirmand*innenunterricht 2020/2021 beginnen. Wir starten Sonntag, 12.00 Uhr mit einem Info-Treffen für Konfis und einen Elternteil im Gustav Adolf Haus. Mund-Nasen-Schutz aufsetzen, Hände desinfizieren, Kontaktdaten aufschreiben, auf den markierten Stühlen platznehmen. Mit 35 Personen ist der Kirchsaal schon gut gefüllt.

Ich stehe am Altar und erläutere den Unterricht, der ja nur noch acht Monate lang sein wird, ohne Freizeiten und mit weniger Praktika.

August -Thema ist: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – Was brauchst du zum Leben? September: Die Gemeinde/Kirche und Du – Du bist nicht allein! Taufe und Abendmahl Oktober: Die Bibel – ein altes Buch / Gottes Wort / weitergegebene Erfahrungen mit Gott November: Gott, Vater, Schöpfer und Bewahrer. Die zehn Gebote Dezember: Jesus Christus – Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Frieden, vergeben und neuanfangen Januar: Heiliger Geist – Weltweite Kirche, Ökumene, Gemeinschaft Februar: Glauben leben heute in Wort und Tat: Gottesdienst, Diakonie, Beten, März: Jesus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Wo gehst du hin? April: 17./18. April Konfirmation

Auch die Samstage mit besonderen Besuchen fallen zum großen Teil aus, allerdings werden Konfis bei der KiBiWo helfen und der Besuch der Kriegs- und Gefangenengräber auf dem Südwestfriedhof wird sicher stattfinden. Dafür machen wir etwas anderes Neues. Einmal im Monat wird es am Sonntag, abends um 19.00 Uhr, einen Konfi-Gottesdienst geben, zum aktuellen Thema zusammen mit den Eltern. Zudem sind die Konfirmand*innen zu den Gemeindegottesdiensten herzlich eingeladen.

Ab Dienstag, dem 18. August, wird Konstantin Lobert, unser Jugendleiter, mit mir gemeinsam den KU durchführen, sodass wir in kleinen Gruppen arbeiten können.

ich freue mich riesig, dass dies nun alles wieder möglich ist und hoffe darauf, dass wir alle gesund bleiben und eine gute Zeit miteinander haben werden.

Predigt vom 14.8. 2016 –

Predigt: Lk 13,10-17

Liebe Gemeinde,

von den Evangelienerzählern berichtet nur Lukas diese Begebenheit aus dem Leben und Wirken Jesu, über die bislang kaum gepredigt wurde:

dabei ist es von Anfang an wie bei uns gerade: die Gemeinde trifft sich zum wöchentlichen Gottesdienst.

Die verschiedensten Menschen kommen zusammen:

jung und alt, krank und gesund, glaubensstark oder -suchend, regelmäßige oder spontane Gottesdienstbesucher.

Und Lukas beginnt:

Immer am Sabbat lehrte Jesus in einer der Synagogen.

Er war ja wandernd mit seinen Freunden unterwegs, so predigte er immer wieder an anderen Orten, vor unbekannter Gemeinde, aber den Gottesdienst ließ er nirgendwo aus.

Eine Gottesdienstbesucherin wird besonders vorgestellt:

Da war eine Frau,

ein Name wird nicht genannt, unwichtig? unbekannt?,

nur eine Frau, und dann auch noch so eine:

die seit achtzehn Jahren von einer schweren Krankheit geplagt wurde.

18 Jahre, das ist ein ganzer Lebensabschnitt.

Eine chronische Erkrankung,

die immer weiter voranschreitet, die sie plagt und quält,

eine Behinderung,

die das Leben einschränkt und berufsunfähig macht,

in die Armut führt, in die Einsamkeit,

die die Attraktivität raubt und Nichtbeachtung zur Folge hat.

Die Umgebung gewöhnt sich an das Bild, schaut nicht mehr hin.

Eine verkrümmte Frau.

So namenlos steht sie für viele Frauen, nicht nur die kranken.

Das Vertrauen in die eigenen Kräfte zerstört von herrischen Chefs und Kollegen,

erniedrigenden Ehemännern,

zickenden Kolleginnen.

Das niedrigere Gehalt, der weibliche Beruf klären über das eigene Ansehen auf.

Mit den Problemen als Alleinerziehende von der Politik bislang allein gelassen, erkennen wir die fehlende Lobby der Frauen und Mütter.

Die Reduzierung auf das Aussehen, die Stimmlage oder das Alter bei gleichzeitiger Nichtbeachtung von Wissen und Kompetenz machen bis heute deutlich, dass Frauen immer wieder anders beurteilt werden als Männer.

Ja, da sind die Geister, die krank machen und krümmen.

 

und Lukas stellt fest: sie konnte sich nicht mehr gerade aufrichten.

Das bedeutete für sie :

Sie sieht kein Ziel, nur, was vor Füßen liegt.

Erst recht sieht sie keinen Himmel, keine Hoffnung, keine Zukunft.

Sie sieht niemanden, kann keinem ins Gesicht sehen

und wird so auch selbst nicht gesehen.

Ihr Wesen, ihr Name, ihre Identität bleibt verborgen.

Eine Äußerlichkeit allein beschreibt sie: die verkrümmte Frau. Und doch hat sie den Mut, in die Öffentlichkeit zu gehen und versteckt sich nicht in den eigenen vier Wänden.

 

Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich.

Ja, er sieht sie, sie fällt ihm auf in dieser Gemeinde, die ihm doch insgesamt unbekannt sein muss. Sie hatte nichts unternommen, ihn auf sich aufmerksam zu machen. Es wird nicht berichtet, dass sie ihn gesucht hätte oder seinetwegen extra gekommen sei.

Doch er hat einen Blick für die, die ihn brauchen, für die Benachteiligten, für die gebundenen und bedrückten.

Sie kommt aus der Masse der ZuhörerInnen heraus, nach vorn zu ihm, dem Lehrenden, alle können sie nun sehen. Sie steht an exponierter Stelle, sicherlich eine Position, die sie bislang vermieden hat.

 

Er sagte zu ihr:

»Frau, du bist von deiner Krankheit befreit!«

Da wird kein langer Heilungsprozeß in Gang gesetzt, es geschieht direkt, mit ganz wenigen Worten, und Jesus nennt beim Namen, was hier tatsächlich passiert: eine Befreiung des ganzen Menschen.

 

Und er legte ihr die Hände auf.

Er fasst sie an. Wie lange wurde sie nicht mehr berührt!

Als wäre sie ansteckend.

Seine segnende Hände unterstützen die Worte.

Er berührt mit Worten, mit Händen.

Körper und Geist werden von ihm erreicht.

Er macht ihr Mut zum „aufrechten Gang.“

 

Sofort richtete sie sich auf.

Kein Zweifel, kein Zögern, kein zaghafter Versuch.

Sie ergreift sofort die Chance. Sie wird selbst aktiv!

 

und lobte Gott.

Nicht Jesus, Gott wird gelobt. Ihr ist klar: dieser Mann handelt im Namen Gottes, obwohl er es nicht dabei gesagt hat. Aber zuvor hatte sie ihm ja zugehört. Sie weiß- im Gegensatz zu uns – was er gerade gelehrt hat, über welchen Abschnitt er gepredigt hat.

 

Liebe Gemeinde, wir könnten nun erwarten, dass sich die ganze damalige Gemeinde dem Lob anschließt, immerhin hat sie ein Wunder erlebt, aber da ist nichts von großem gemeinsamen Loben zu lesen, sondern nur:

Der Leiter der Synagoge ärgerte sich darüber,

dass Jesus die Frau an einem Sabbat geheilt hatte.

Deshalb sagte er zu der Gemeinde:

»Es gibt sechs Tage, die zum Arbeiten da sind.

Also kommt an einem dieser Tage,

um euch heilen zu lassen –

und nicht am Sabbat

Die Ordnung des Gottesdienstes ist gestört.

Die Heiligung des Sabbats in der Synagoge nicht eingehalten.

Er, der Leiter des Gotteshauses, ist genau dafür verantwortlich. Und so schreitet er ein, kann sich nicht freuen, sondern nur zur Ordnung gemahnen.

Was darf man im Gottesdienst, was nicht?

Wie menschlich dürfen wir anderen begegnen,

welche Gesetze müssen wir beachten?

Wie ist das mit dem Kirchenasyl?

Wie geht Kirche mit ihren MitarbeiterInnen um?

Wer darf getauft werden?

Menschlichkeit, Liebe, Recht und Ordnung – was gilt bei uns?

Und so ist es gar nicht so merkwürdig, dass der Synagogenleiter seine Mahnung nicht an Jesus richtet, sondern an die Gemeinde. Offensichtlich will er sich nicht mit ihm, der die Schrift auslegt, anlegen, sondern seine Gemeinde mit sich auf den Weg nehmen.

Aber der tatsächliche Adressat seiner Mahnung fühlt sich angesprochen und antwortet ihm in gleicher Weise, indem er alle anspricht:

 

Doch Jesus sagte zu ihm: »Ihr Scheinheiligen!

Jeder von euch bindet am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Futterkrippe los und führt ihn zur Tränke.

Aber diese Frau hier, die doch eine Tochter Abrahams ist, hielt die Krankheit gefesselt –

sogar achtzehn Jahre lang!

Und sie darf am Sabbat

nicht von dieser Fessel befreit werden?«

 

Jesus macht es an einem alltäglichen Beispiel, das jeder kennt und bei dem jeder die Notwendigkeit einsieht, deutlich.

Die lebensfeindlichen Fesseln müssen und dürfen am Sabbat gelöst werden.

 

Der berühmte Rabbiner Abraham Joshua Heschel lehrt dazu: „Ständige Strenge kann den Geist des Tages ernstlich dämpfen, aber Leichtfertigkeit würde ihn sicher auslöschen…“

 

Der Sabbat ist „eine Gelegenheit,

unser zerrissenes Leben zu heilen,

Zeit zu gewinnen, nicht zu vertreiben.“…

“Der ganze Mensch, alle Bereiche seines Seins,

müssen an dem Segen teilhaben.“

 

Als Jesus das sagte, schämten sich alle seine Gegner.

Und damit geschieht eine zweite Befreiung:

Die Befreiung aus den Fesseln einer Gebotsauslegung,

die Menschen einengt und knechtet.

Jesus macht deutlich:

Der Sabbat ist euch gegeben und nicht ihr dem Sabbat.

So ist es mit allen Geboten: Gott hat uns seine Gebote wissen lassen und ans Herz gelegt, damit wir mit Gott und den Menschen in Liebe leben können.

Und die dort Versammelten freuten sich

über die wunderbaren Taten, die Jesus vollbrachte.

 

Die gekrümmte Frau steht nicht allein

mit ihrem eingeschränkten Blickfeld auf den Boden,

auf die niederen Dinge,

auch der Synagogenleiter, die Gemeinde stehen da,

gebunden und gefesselt von dem, was ihr Leben bestimmt:

die Krankheit, die Gebotsauslegung.

Alle brauchen die Befreiung von den Fesseln,

die am Blick zum Himmel hindern.

Denn ein krümmender Geist kann so auch den Blick

und den Kontakt zu Gott versperren.

Jesus macht die Fesselung deutlich, stellt sie heraus:

Ruft die Frau nach vorn, führt mit Alltagsbeispielen zur Erkenntnis und Scham.

Jesus bringt die Lösung, die Erlösung.

Er macht frei zum Leben.

Das ist seine Mission.

Jesus ist das menschgewordene Wort Gottes.

Jesus erinnert mit allem, was er sagt und macht, an Gottes Wort, und schließt es den Menschen auf, mit Worten, mit Taten.

So können wir Christen in und mit unserem Leben zeigen,

was es heißt, Befreit von den Bindungen dieser Welt,

als Kinder Gottes, auf Gott vertrauend, mit anderen menschen voller Hoffnung, Liebe und Zuversicht zu leben.

 

Wie es ja auch in der Lesung

aus dem Prophetenbuch des Jesaja laut wurde:

nun spricht Gott so:

Ich habe dich geschaffen, Jakob, und dich gebildet, Israel:

Hab keine Angst, denn ich habe dich befreit,

ich habe deinen Namen gerufen, zu mir gehörst du.

Wenn du durch Wasser gehst, bin ich bei dir,

und Wasserströme überfluten dich nicht.

Wenn du durch Feuer gehst, verbrennst du nicht,

und die Flamme versengt dich nicht.

Denn ich bin Gott, deine Gottheit,

heilig in Israel, dir zur Rettung.

 

Trauern hat seine Zeit

Das Telefon klingelt – ein ganz bestimmtes Bestattungsinstitut ist dran. Als erstes höre ich drei theatralische Entschuldigungen, mir schwant, was jetzt kommt.
Frau — ist gestorben und soll am Freitag beigesetzt werden zu der und der Zeit. Ich frage nach, wann sie denn gestorben sei. Vor 12 Tagen! Ich kenne nur einen Bestatter, der mich nicht umgehend von einem Sterbefall informiert, damit wir den Termin für Trauerfeier und Beerdigung gemeinsam! absprechen. Ich habe mich bereits einmal sehr offiziell darüber beschwert. Denn die Angehörigen haben ein Recht auf zeitnahe Seelsorge und verlassen sich auf den Bestatter, dass er mich informiert. In den nächsten drei Tagen habe ich schon zwei Beerdigungen, zwei Taufgespräche und weitere Termine, wann soll ich die Trauer-familie besuchen, wann die Traueransprache schreiben? Was nun? Eine Kollegin ist seit heute aus dem Urlaub zurück. Da müsste doch noch Platz im Terminkalender sein.
Zehn Minuten später – der nächste Bestatter, die nächste Beerdigung. Diesmal soll ich beerdigen in Vertretung für einen Kollegen. Die Beerdigung soll in zweieinhalb Wochen stattfinden, der Kollege kommt in einer Woche aus dem Urlaub zurück. Doch bis dahin soll die Trauerfamilie nicht warten, weder mit dem Trauergespräch noch mit den Karten. Aber am vorgesehenen Beisetzungstag bin ich nicht in Essen – was nun? Eine Kollegin ist seit …
Urlaubsvertretungen bei Beerdigungen führen schon zu merkwürdigen Gesprächen: Im Nachbarstadtteil ist jemand verstorben und soll unbedingt vom Ortspfarrer beigesetzt werden. Der ist bis einschließlich Donnerstag im Urlaub. Nun, dann kann er ja am Freitag beerdigen, meint der nächste Bestatter, der mich nach der vierten Beerdigung in einer Woche auf dem Friedhof anspricht. Ich widerspreche: Wann soll der Pfarrer ein Trauer-gespräch führen, wann die Ansprache schreiben, wann erfährt er überhaupt, dass er zu beerdigen hat? Denn er ist nicht erreichbar. Gut, er habe verstanden. Dann eben am Montag, meint der Bestatter. Ich widerspreche erneut: Der Zeitraum ist immer noch zu knapp. Nach Rücksprache mit der Trauerfamilie, die ja auf jeden Fall schon vier Wochen mit der Urnenbeisetzung zu warten bereit ist, wird es der Mittwoch. Gut, das halte auch ich für möglich. Zwei Tage später erneuter Anruf bei mir: Die e-mail mit den Informationen zum Sterbefall für den Kollegen ist zurückgekommen. Ob sie mir alles zusenden können. Ich frage, wozu das dienen soll. Naja, wenn der Kollege dann doch verhindert sei, könnte ich …., weiter kommt die Angestellte nicht mehr, denn mir platzt bald der Kragen: ich bin seit Tagen gerne bereit, diese Beerdigung zu übernehmen und mit der Familie Kontakt aufzu-nehmen – aber nicht zwei Tage vor der Beerdigung.
„Ich hab da mal eine Frage,“ meldet sich das nächste Bestattungsinstitut. „Ich bin auf der Suche nach einem Pfarrer, einer Pfarrerin, die am Samstag beerdigt.“ Offensichtlich sucht man irgendeinen. Doch die meisten Kollegen, auch ich, meinen, die Woche hat genug Tage, an denen beerdigt werden kann. Nur weil die Stadt gemerkt hat, dass sie sich den Samstag besonders teuer bezahlen lassen kann, lassen wir uns nicht unseren einzigen, manchmal wirklich freien Ruhetag nehmen. Und wenn es in der eigenen Gemeinde eine besondere Situation gibt, sodass nur der Samstag in Frage kommt, dann wird die Ausnahme schon möglich gemacht.

Alles Schikane

Es ist Mittwoch, 16.30 Uhr. Gemeinsam mit meiner Tochter fahre ich vom Gustav-Adolf-Haus nach Holsterhausen. Auf dem Hohen Weg ist viel Verkehr und ich fahre langsam zwischen geparkten Fahrzeugen und Gegenverkehr durch. In der Stensstraße wird es noch enger und unübersichtlicher, ein Moped kommt auch noch raufgefahren. Hinter mir drängelt einer. Den ganzen Tag über hat es geregnet. Die Brücke und besonders die Gleise sind nass. Ich halte mich an die vorgeschriebenen 30 km/h. Der Drängler hält es nicht mehr aus und hupt und schimpft hinter mir. Mir reicht’s. Ich halte an, um nachzufragen, was das soll. „Du blöde Sau“ schallt es mir entgegen. „Du schikanierst uns“…. Ich spreche von vorgeschriebener Höchstgeschwindigkeit in der Siedlung und auf der Brücke. Unflätigste, freche Beschimpfungen folgen, alles von der Frau auf dem Beifahrersitz. Der Fahrer verhält sich ganz still. Es ist noch nicht lange her, da führten wir miteinander ein gutes Trauergespräch. Wir haben seinen Vater mit einer kirchlichen Trauerfeier würdevoll beigesetzt.

Nicht mein Tag

Ich wusste es ja schon länger. Um acht Uhr heute morgen hatte ich den fünften Gottesdienst ohne Küsterin zu halten, auch ohne PresbyterIn als Vertretung. Darauf hatte ich mich eingestellt. Und den Schulgottesdienst entsprechend vorbereitet.                    Früher als üblich traf ich im Gustav-Adolf Haus ein, machte Licht und Mikro an, rückte ein paar Stühle aus dem Gang, stellte die Leben-Liebe-Hoffnung-Kerzen auf den Altar und holte den Beamer, um Lieder, Psalm und Bilder für die Ostergeschichte zeigen zu können. Doch da war kein Verbindungskabel zwischen Laptop und Beamer vorhanden. Der letzte Referent hatte es aus Versehen mitgenommen.
Also holte ich die Liederhefte aus dem Schrank und verteilte sie, überlegte mir zwischendurch, wie ich jetzt die Ostergeschichte zu den Kindern bringe und suchte anschließend Lieder und Psalm aus.
Für Handmikrofone reichte die Zeit nicht mehr – auf Ratschlag unserer Kirchenmusikerin standen die Kinder bei ihren Beiträgen auf und mussten lauter sprechen und der Gottesdienst und das Vaterunser blieben ohne Glockenbegleitung. Da saß einfach keiner in Schalternähe.
Direkt im Anschluss fand das Dienstgespräch aller verantwortlichen Mitarbeiterinnen und des Presbyteriumvorsitzes für April statt, das nicht länger als eineinhalb Stunden dauern durfte, da ich anschließend eine Beisetzung auf einem Friedhof in Altendorf zu leiten hatte.
Am Nachmittag war Sprechstunde mit zwei Besuchern mit Anliegen.
Nun waren noch die letzten Vorbereitungen für das morgige erste ökumenische Bibelgespräch zu Sacharja zu treffen. Upps, die Materialien hatte ich an die Vorbereitenden des 2. Abends verliehen und nicht zurückbekommen. Ich fand sie schnell, ein Telefonat, ein kleiner Spaziergang, schon lagen sie auf dem Schreibtisch. Dann schrieb ich meinem Ko-Moderator, da ich schon länger nichts mehr von ihm gehört hatte, ob alles mit den Vorbereitungen laufe. Und da kam die Antwort: Morgen Abend werde ich nicht dabei sein – aber die Wortpfeile bring ich vorbei.
Dann mach ich es allein – die Gemeinde wird schon kommen.

Predigtarbeit

Montag. Gerade sitze ich an meiner Predigt für den kommenden Sonntag. Da die Woche gut gefüllt ist, nehme ich mir heute dafür Zeit. In der vergangenen Woche habe ich bereits den für den 13. März vorgeschlagenen Text, Hebräer 5, 7-9, gelesen. Als erstes fiel mir vor einigen Tagen der Film ein, den ich am Montag auf Arte gesehen habe: Der Name der Rose. Da ging es ums Lachen, im Predigttext weint Jesus. Und weil ich bei einem Wort, „Gehorsam“, das gleich zweimal im Text vorkommt, gedanklich hängenblieb, habe ich im griechischen Urtext nachgelesen, was ich längst nicht immer mache. Ich denke, die Übersetzer der Bibel konnten und können sicher besser Griechisch als ich. Doch haben sie manchmal vielleicht auch ihre eigene Theologie bei der Übersetzung eingebracht. Wie z.B. bei dem Wort „Gehorsam“. Ich gebe zu, bei diesem Wort reagiere ich allergisch. Wenn ich bei bestimmten theologischen Aussagen während der Predigtarbeit Reibungsfläche empfinde oder brauche, greife ich ins Bücherregal und schaue bei Karl Barths Kirchlicher Dogmatik nach. Ich finde gleich ein ganzes Kapitel zum Gehorsam Christi. Am 13. März wird auch das neue Presbyterium eingeführt – ob dieser Text wohl zu einer solchen Einführung die richtige Predigt hervorbringt? Der Brief an die HebräerInnen wurde an eine Gemeinde mit Ermüdungserscheinungen im Glauben geschrieben. Ich finde, die Wahl zum Presbyterium hat eine ganz wache Gemeinde auf der Margarethenhöhe gezeigt. Und das sozial-diakonische Engagement lässt auch nicht zu wünschen übrig. Insbesondere jüngere Gemeindeglieder sind aktiv in der Arbeit mit Flüchtlingen, die in den Nachbarstadtteilen leben. So arbeiten wir gegen „den Untergang des christlichen Abendlandes“. Das geht nämlich unter, wenn statt christlicher Nächstenliebe in Deutschland angst- und hasserfüllte Fremdenhetze den Ton angibt. Unsere Gemeinde versteht sich als gastfreundliche Gemeinde gegenüber Suchenden, Hilfebedürftigen, Fremden. Wir hören auf Jesus, was er uns sagt, wir hören den Menschen zu, die zu uns kommen – ich denke, Gehorsam kommt von genau hinhören – und können mit ihnen weinen und lachen. Mal sehen, was mir noch an Gedanken, Ereignissen, Menschen in dieser Woche über den Weg läuft, bis die Predigt endgültig fertig ist.

Rosenmontag

Es ist Rosenmontag, mein erster Arbeitstag nach dem Urlaub, 13.30 Uhr, das Telefon klingelt. Ein pensionierter Kollege ruft an. Er stellt sich vor – als würde ich ihn nicht kennen. Er durfte ungefähr zur gleichen Zeit seinen Dienst in Essen beenden als ich Pfarrerin in Überruhr wurde – lang ist’s her. Er teilt mir mit, dass er gerne alles übernehme, was KollegInnen ihm über-lassen. Zur Zeit hab ich da nichts, will schon den Anruf beenden, als er mit seinem tatsächlichen Anliegen beginnt.
Ein Brautpaar aus unserer Gemeinde will sich von ihm, da sie sich persönlich kennen, trauen lassen. Ob ich einverstanden bin. Natürlich bin ich das, er ist doch ordinierter Pfarrer, warum also nicht. Seine nächste Frage irritiert mich: ob ich damit einverstanden bin, dass die Trauung im Restaurant stattfindet. Ich antworte, dass ich eine kirchliche Trauung wohl nicht im Lokal machen würde, er aber nun doch Herr des Geschehens sei. Und dann fragt er noch, ob die Kollekte für seinen …-Verein sein darf. Und ich antworte, dass bei Trauungen, die ich leite, das Brautpaar einen sinnvollen Zweck aussucht. Nach durchgeführter Trauung will er mich informieren wegen des Eintrags ins Kirchenbuch. Ich bin gespannt, ob ich noch etwas aus der Gemeinde dazu höre. Ansonsten beschäftigen mich heute Taufgespräche. Draußen stürmte es und es goß in Strömen, doch jetzt strahlt die Sonne – ist etwa schon 1. April?