Summer in the City

Manchmal frag ich mich, wenn ich im Sommer durch Pekings Straßen unterwegs bin, ob ich wirklich in einer MegaCity oder in einem Konglomerat von Dörfern stecke. Die Männerwelt, ob jung oder alt, hat ihren Oberkörper allein mit einem Unterhemd bekleidet, das auch noch dekorativ bis unter die Brusthochgezogen ist; ganz kecke Herren lassen sogar noch die Brustwarzen drunterweg blinzeln.

In Ermangelung eines Sommerhutes oder Sonnenschirms wird als Sonnenschutz ein Handtuch auf dem Kopf drapiert.

Zur Weißerhaltung der Haut trägt der/die RadfahrerIn erstens eine spezielle Sonnenhaube, zweitens eine Art Frisierumhang als Schulterschutz, so etwas wie Ärmelschoner als Armabdeckung und natürlichweiße Handschuhe. Den Sonnenschirmhalter am Fahrrad habe ich in Nanjing auch noch entdeckt.

Die kleinsten in der Kinderschar tragen hier ja üblicherweise im Schritt offene Hosen. Bei Taxifahrten wird mal kurz eine Windel eingelegt, aber nicht festgeklebt, so dass sie nach der Fahrt wieder in die Tasche gesteckt werden kann. Im Sommer allerdings ist manches Kind auch unten ohne unterwegs, besonders die Knaben, auf die ihre Eltern ja immer noch besonders stolz sind.

Manch kleiner Geschäftsmann in den alten Pekinger Gassen hat sich im Schatten eines Baumes neben seiner Ladentür einen Liegestuhl oder sein eisernes Bettgestell aufgebaut und verbringt so die wärmsten Stunden des Tages. Die Nachbarschaft hockt etwas weiter weg zusammen um eine Kiste oder so und spielt Karten.

Und im Park treffen sich die musikalischen Menschen und geben nicht weit entfernt voneinander Kostproben ihres Könnens oder unterrichten auch wissbegierige Passanten. Am Sonntag hatten wir das Vergnügen, gleich eine ganze Blaskapelle, oder eher ein Swingorchester, im Kohlenhügelpark anzutreffen. Die Parkbummler nahmen die Einladung zum Tanz bereitwillig an.

Zu Fuss unterwegs in China

Wir waren also unterwegs zu heiligen Bergen und interessanten Städten.

Unser erster, den Daoisten heilige Berg war der Tai Shan. Auf seinem Gipfel steht der Tempel des Jadekaisers, des höchsten daoistischen Gottes. Um dorthin gelangen zu können, wurde der Berg mit Treppen versehen, die auch wir jetzt empor steigen wollten. Es sind 6660 Stufen. Auf der Hälfte der Strecke gibt es einen Tempel, eine Gaststätte und eine Seilbahnstation, die wir nach über 3000 gelaufenen Stufen wegen der unglaublichen Hitze ansteuerten. Gemeinsam mit einer buddhistischen Nonne fuhren wir hinauf zum Gipfel. Dort hatten wir weitere unendlich viele Stufen zu betreten, rauf und runter und wieder rauf… bis wir unser Hotel erreichten. Die Nacht war kurz. Um 4.15h wurden wir geweckt, damit wir mit vielen warm eingepackten jungen und sehr alten Chinesen den Sonnenaufgang erleben konnten. Der Tai Shan ist der Berg der Schöpfung. Das zeigen auch die Fotos vom Aufgang der Sonne – einfach paradiesisch. Und man kann auch erkennen, wie Mao auf seine hier gesprochen Worten „Der Osten ist rot“  kam.

Zudem glauben die Daoisten an die „Beseeltheit“ der Berge, die eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Göttern und Menschen bringen. Wer den Tai Shan besteige, werde 100 Jahre alt. So viel Schöpfungskraft stecke in ihm. Nun – wer’s glaubt. Auf jeden Fall machen sich viele nachts in aller Dunkelheit und Kälte auf den mühevollen Weg. Die meisten eher leicht bekleidet, ohne Regenschutz und in Stoffschuhen oder Flipflops.Oben leihen sie sich einen wattierten grünen Mantel.

Nach dem  Morgengrauen folgte das Frühstück – rein chinesisch mit Reisschleim, scharfen Gemüsen, etwas Keks und Tee nach Anfrage – und dann das Grauen des Abstiegs. Denn wir gingen den ganzen Weg zu Fuß – die letzten 2000 Stufen waren eine einzige Qual. Meine Füße wussten nicht mehr so ganz genau, wie sie sich weiter zu bewegen hatten. Mit einem für 10 Yuan erstandenen Gehstock ging es schon etwas besser, aber unten angekommen, konnte ich kaum noch in ein Taxi steigen, um ins einzige Cafe im Ort zu gelangen. Ich hatte Treppensteigen trainiert, allerdings nur aufwärts. Das war mir auch deutlich leichter gefallen – sehr lange Treppen meisterte ich im Stufe für Stufe silbengetrennten Vormichhinmurmeln des 23. Psalms, der mich mit „Stec -ken und Stab“ und „fri-schem Was-ser“ direkt unterstützte – und hatte keine weiteren negativen Folgen gehabt. Treppab verlangte danach doch von uns beiden einen Tag der Rekonvaleszenz im schönen Hangzhou am Westsee. Doch die nächsten Klosteranlagen warteten in Hangzhou, natürlich wieder auf Hügeln, und wurden alle besichtigt. Abends sorgte der See vor unserem Hotel für die Erholung.

Von dort aus fuhren wir zum nicht heiligen, aber schönsten Berg Chinas, zum Huang Shan, der mit vielen mit Kiefern bewachsenen Gipfeln, von Wolken partiell eingehüllt, wunderbar aussieht. Ich erklärte, dass nicht der Weg, sondern der Gipfel mein Ziel sei und fuhr per Bus und Seilbahn hinauf. Oben angelangt erwarteten mich wieder Treppenwege ohne Ende. Da ich allein unterwegs war, meine Begleiterin sah das mit dem Weg und dem Ziel anders, machte ich unterwegs auf dem Berg viele nette Bekanntschaften. Unter anderem sprach ich mit einem Träger, der seinen Lebensunterhalt dadurch verdient, dass er Getränkedosen, Reis, Zement etc. den Berg hinaufschleppt. Das Bambusstangenjoch mit seiner Last war für mich nicht einmal vom Boden hoch zu heben, geschweige denn, über Stufen hinaufzutragen.

Der Huang Shan ist über 2000 m hoch und sammelte im Laufe des Tages so viele Wolken ein, dass es ab Abend regnete. Es gab also keinen Sonnenaufgang zu sehen und ich ersparte mir auch den Abstieg bei Dauerregen und fuhr mit einer chinesischen Reisegruppe wieder per Gondel bergab. Bis ich das Hotel im Tal erreichte, war ich trotzdem völlig durchnässt. Meine Bergschuhe brauchten drei Tage zum Trocknen. Meine Bekannte, natürlich den ganzen Weg gelaufen, konnte ebenfalls alles auswringen.

Die schöne Altstadt von Huangshanshi mit ihren typischen weißen Häusern mit Pferdekopfgiebeln und Holzornamentik überraschte uns mit einem kleinen Cafe zum Entspannen.

Nach einem Zwischenstop in Nanjing reisten wir Richtung Song Shan (Shaolinkloster und Longmengrotten), sehr heiß, sehr eindrucksvoll, die Städte sehr trostlos.

Und dann folgte der letzte und meiner Meinung nach schönste Berg, der Hua Shan in der Nähe von Xi’an. Diesmal fuhren wir gemeinsam mit der östereichischen Seilbahn hinauf, denn der Berg besitzt fünf Gipfel, die nur über unzählige, sehr steile Treppen-, quasi Leiterstufen zu erreichen sind, wobei man sich an den Seiten an Stahlseilen halten kann. Die Wolken brachten etwas Schatten, aber am Tag keinen Regen, die schönen Aussichtspunkte boten Möglichkeiten zum Erholen, Malen, Reden, Staunen, Leute kennenlernen. z.B. den alten Herrn mit vollgeladener Kiepe, der in aller Seelenruhe auf dem Weg zum Südgipfel war.

Auf all den Bergen, in Zügen und Bussen waren wir fast die einzigen Langnasen gewesen, erst in Xi’an, bei den Terracotta-Kriegern holte mich der weltweite Massentourismus mit seinen klimatisierten Reisebussen wieder ein. Allerdings fuhr ich mit dem Linienbus, der natürlich nichts besseres wusste, als eine im Umbau befindliche Straße zu befahren, mit riesigen Schlaglöchern, Gegenverkehr von allen Seiten und Strommasten mitten auf der Fahrbahn. Die Erholung im muslimischen Viertel in Xi’an mit Tee und Kebab und frischem Obst hatte ich mir verdient. Am späten Abend ging es mit einem wetterbedingten Rüttelflug zurück nach Beijing.

Bus und Bahn

China ist ein großes Land. Um zu reisen nimmt man am besten ein Flugzeug. Aber wir, eine Bekannte aus Deutschland und ich, wollten es anders machen.

Nur mit Bus und Bahn – und zu Fuss – machten wir uns auf den Weg zu heiligen Bergen und interessanten Städten. Doch so einfach ist das nicht. Die Fahrkarten für den Zug bekommt man nur in dem Ort, von dem der Zug abfährt. Aber man sollte sich einige Tage vor der Abfahrt zum Kauf der Billetts anstellen, um einen ordentlichen Sitz oder Liegeplatz zu bekommen. Sonst landet man in der „Holzklasse“ (Hardseater) oder muss draußen bleiben. Ein freundlicher deutschsprachiger chinesischer Reisefachmann half uns bei Planung und Durchführung der Reise. Die Karten wurden uns ins jeweilige Hotel gebracht, in Shanghai stand morgens um 6 ein ebenfalls deutschsprachiger Chinese ( namens Oskar) vor der Waggontür und überbrachte die Karten für den Anschlusszug. Zudem geleitete er uns noch zum richtigen Wartesaal, der in großen Bahnhöfen nicht so leicht zu entdecken ist. Man sollte mindestens eine Stunde vorher im Bahnhof erscheinen, um einen Sitzplatz im richtigen Wartesaal in den Reihen unter der richtigen Zugnummer zu erwischen. Eine Viertelstunde vor Ankunft des Zuges geht das Eisengitter Richtung Bahnsteige auf. Nur die Treppe zum richtigen Bahnsteig ist erreichbar. Am Zug ist jeweils eine Tür pro Waggon geöffnet und der Waggonschaffner kontrolliert die Karten. Im Softsleeper (vier Liegen mit bestickten Bettbezügen und Kaffee zum Frühstück) tauscht die Waggonschaffnerin die Fahrkarten gegen Bettnummern aus und kommt am nächsten Morgen – manchmal mit Kaffee – und weckt die Fahrgäste eine halbe Stunde bevor sie aussteigen müssen.

Mit der Zeit konnten wir perfekt Bahnfahren. Anschließend Busfahren war die nächste Herausforderung. Denn auf dem Bahnhofsvorplatz warteten schon die SchleußerInnen, die uns zu Privattaxen, -Kleinbussen etc abschleppen wollten. Natürlich alles überteuert und nicht zu empfehlen. Doch wie findet man den richtigen Bus? Wo mag er nur stehen? Und wer gibt einem eine korrekte Antwort? Man muss sich selbst umschauen. Alle anderen müssen mit den wenigen Touristen, die kommen, Geld verdienen, denn es gibt viel zu wenig Arbeit in der Provinz. Also entweder lange auf eigene Faust suchen oder aber den bestmöglichen Deal machen. Ob wir den richtigen Preis zahlen ist eh nicht klar. In den Geschäften versuchten sie immer wieder, von uns andere Preise für Wasserflaschen und Kekse und Obst zu bekommen als von Einheimischen. ( Die Ausnahme machte ein kleiner Supermarkt im muslimischen Marktviertel in Xi’an. Alles war mit korrekten Preisen ausgezeichnet!) Aber auch für die anderen galt: Es war immer noch billig genug. Und für manchen Chinesen richtig teuer. Ungerecht ist es allemal.

In Luoyang entschieden wir uns, einer Frau in Bahnuniform zu folgen, die uns zu einem Ticketoffice führte. Dort verkaufte sie uns zwei Bustickets für jeweils 40 Yuan, 4 Euro. Der Bus sollte uns in den Ort Dengfeng beim Shaolinkloster der Kungfu-Kämpfer bringen. Zu unserer Überraschung brachte sie uns zu einem Kleinbus, in dem viele Chinesen mit Reiseleiter und einige „Langnasen“ saßen. Diese erzählten uns, dass sie für 30 bzw. 40 Yuan eine Besichtigungstour der Shaolinklöster und des Songshan  mit Hin- und Rückfahrt gebucht hatten. Wir legten beim Fahrer Protest gegen den überhöhten Fahrpreis ein. (Die Eintrittspreise kamen natürlich vor Ort noch hinzu) Dann überlegten wir uns, dass wir die Besichtigungstour mitmachen könnten und beim letzten Kloster ein Taxi zum nahegelegenen Hotel für diese Nacht nehmen könnten. Alles fügte sich wunderbar und zum Schluß bekamen wir jeweils 20 Yuan zurück. Das langte locker fürs Taxi. Man muss ja nicht alles mit sich machen lassen.

(Fortsetzung „zu Fuss“ folgt)

Fahrt zur Hölle

Irgendwann musste es ja so weit kommen. Wie habe ich es nur so lange ausgehalten?

Ich beschäftige mich intensiver mit den hiesigen Glaubensvorstellungen.

Bis vor kurzem konnte ich kaum die buddhistischen von den daoistischen Tempeln unterscheiden. Ich dachte: „das begreife ich nie!“ Doch jetzt weiß ich: es lag nicht an mir, sondern an den Chinesen. Sie bringen nämlich ein wunderbares Durcheinander zu Wege, indem sie einfach Buddhas und daoistische Göttermassen in einem Tempel, oder zumindest in einer größeren Tempelanlage zusammen unterbringen. Wie soll ich mich da auskennen?!

Frau Ma, meine Chinesisch-Lehrerin, nicht zu verwechseln mit Herrn Ma, unserem Fahrer, oder Frau Ma, unserer Ayi (= Haushaltshilfe), also Ma Yü Ling gab den entscheidenden Tipp: Guck dir die Mönche an. Geschorene Köpfe sind Buddhisten, langhaarige Mönche sind Daoisten. Leider machen sich oftmals die Mönche rar. Und am Weihrauch kann man nichts erkennen. Mit dem könnten sie es schaffen, mich aus allen Tempeln hinaus zu treiben. Das funktionierte schon in Deutschland in den römisch-katholischen Kirchen. Auf Weihrauch reagiere ich allergisch. Wie gut, dass ich reformiert bin und Johannes Calvin weder Bilder, Blumen noch Weihrauch im Gottesdienst zuließ.

Das alles gibt es in den hiesigen Tempeln um so mehr. Bilder und Statuen von unzähligen Göttern und Opfergaben in Form von Räucherstäb(ch)en jeglicher Größe (durchaus über 1,5m Lang), Blumen und Obst.

Aber neben den Göttern gibt es auch Geister, gute und scheußliche. Die grässlichsten sah ich neulich in der Hölle.

Ja, wir machten eine mehrtägige Reise auf dem Jangtze und besuchten u.a. Fengdu, die Geisterstadt, in der man sehen kann, wie es in der Hölle zugeht. Ich kann versichern – kein Ort zum Urlaub machen! Doch zugleich kann man sich in Fengdu schon mal ein wenig freikaufen aus der Hölle – kommt mir doch irgendwie bekannt vor. Erinnert mich schon wieder an röm.kath.!

Zudem bieten Wahrsager ihre Dienste an. Vielleicht, damit man besser weiß, was man noch im Leben so anstellen wird, um gleich vorort genügend Höllenbefreiungszertifikate zu erwerben.

Nun, es war ein Höllenspaß, all die Fratzen zu sehen, die Aberglauben-Geschichten zu hören und das Spektakel mitzuerleben, das Chinesen so sehr lieben.

Übrigens machten wir diese Fahrt in diesem Jahr rund um den 1. Mai, der 2008 mit dem Himmelfahrtstag zusammenfiel.

Zum 3. Mal zurück in Deutschland

Alle halbe Jahre treibt es uns nach Deutschland.

Diesmal flogen wir, weil Charlotte neun Vorstellungsgespräche wegen einer Ausbildung in Deutschland vereinbart hatte. Pekinger Freunde meinten, dass müsste doch klappen, in Deutschland lebende waren da skeptischer. Um es gleich vorwegzunehmen: sie hatte danach mehrere Angebote und wählte sich das aus, was ihr am besten und freundlichsten erschien. So wird Charlotte ab Oktober in Bonn leben und eine Ausbildung zur Krankenschwester beginnen und wir werden nur noch zu zweit in Beijing bleiben.

Natürlich haben wir auch wieder viele Besuche gemacht; außer meine, deine, unsere Familie legten wir den Schwerpunkt auf Besuche bei denjenigen, die wir letztes Mal nicht besuchen konnten. Ach, es ist schon schön, so viele liebe Menschen wieder zu sehen und bei ihnen zu Gast sein zu dürfen. Mit manchen haben wir Besuche bei uns in Peking besprochen. Wir hoffen, wir können allen schönes Wetter und blauen Himmel bieten.

Dagegen die alte Heimat: Die Fahrten im Regen – den Schnee hab ich diesmal umgehen können – machten das Deutschlandbild noch trister als es die Stimmungslage angesichts der allgegenwärtigen Krise bereits gemalt hatte. Charlottes zweites Vorstellungsgespräch – morgens um 8 in Düsseldorf – kam zum Beispiel gar nicht recht zustande, da ihr in der Praxis sofort mitgeteilt wurde, die Herren Doctores würden in diesem Jahr nicht ausbilden und müssten auch noch Mitarbeiterinnen entlassen wegen der Krise und der Pauschalen und überhaupt.

Dafür hatten wir das üppige Frühstück unseres Hotels ausfallen lassen. Damals fanden wir das schade, mittlerweile sind wir froh drum, denn es ist schwer genug, die Pfunde aus Deutschland wieder loszuwerden. An denen ist aber nicht nur das „leckere“ Hotel Gastgeb schuld, sondern auch die Einladungen und die verlockenden Süßigkeiten, die wir in Peking entbehren und bei denen wir Nachholbedarf verspürten. Jetzt verstehe ich, warum so viele wohlbeleibte Mitmenschen in Deutschland zu sehen sind. Sie alle haben nicht die Chance, wie wir, die Pfunde in Peking oder auf der großen Mauer etc abzulaufen. Auch wir waren wieder ständig mit dem Leihwagen unterwegs statt zu Fuß – kein Wunder bei dem Wetter. Dauerregen und ar…kalt.

Erst einen Tag vor Abflug änderte es sich, als wir auch noch die Zeit fanden, einen Ausflug auf den Pfälzer Trifels zu unternehmen. Mit dem Geländewagen-Monstrum, das uns statt des bestellten Passat-Kombi bei der Leihwagenfirma übergeben wurde, hätten wir es wahrscheinlich auch noch bis zum Burgtor geschafft. Ich kam mir auf jeden Fall in dem Wagen äußerst deplaziert vor. Zudem wurde ich auch noch mehrmals merkwürdig von Kleinwagen fahrenden Herren der Schöpfung wegen des Wagens angemacht. Es ist ja doch ein komisches Gefühl nach sechs Monaten mal wieder am Lenkrad zu sitzen und sich nicht chauffieren zu lassen. Aber im Pekinger Verkehr ginge ich unter. Er ist dermaßen ungeregelt, dass ich wahrscheinlich gar nicht vorankäme. Man kann ja keinen Sicherheitsabstand einhalten, weil mehrere andere Wagen die Lücke nützen würden.

Übrigens waren wir natürlich auch wieder in Deutschland einkaufen: Kleidung für mich, Schuhe (ein Muss in Pirmasens!), Haribo, Schokolade, Bratensoße, süße Paprika, Deo, Hautcreme ( ohne Whitener-Bleichmittel), Bücher, Wolle, die neue 17 Hippies CD, Gummibärchen. .. Das alles und noch viel mehr gibt es nur in Deutschland.

Wir kamen mit vollen Koffern – wir kehrten mit gefüllten Koffern zurück.

Das neue Jahr fängt schlecht an

Es ist Montag, der 9. Februar, für Chinesen ist es der erste Monat, 15. Tag, das heißt, es ist Laternenfest, der Abschlußtag der Neujahrsfeierlichkeiten. Noch einmal wird gefeiert mit großen Feuerwerken, leckeren Kuchen und so weiter: Danach werden die Familienmitglieder wieder an die Orte zurückkehren, wo sie Arbeit gefunden haben –  falls sie nicht zu den neuen 20 Millionen Arbeitslosen gehören, die die Weltwirtschaftskrise bisher in China zum großen Arbeitslosenheer hinzugefügt  hat. Wir stehen am Fenster und bestaunen ein riesiges Feuerwerk, das hinter den Nachbarhäusern hervorblitzt.  „Das da nie was passiert!“ meint Klaus und ich erwidere: „Vielleicht erfahren wir es nur nicht.“ Klaus, Charlotte und Wen Wu beschließen, es sich aus der Nähe anzusehen. Kurze Zeit später klingelt das Telefon. Ich kann kaum verstehen, was Klaus sagt, da gerade vor unserem Haus ein Prachtfeuerwerk in die Luft geht. „Komm schnell mit deiner Kamera, hier brennt das kleinere der CCTV-Häuser.“  Ein Feuerwerkskörper hatte das Dach in Brand gesetzt und – obwohl da oben Menschen gewesen waren, hatte keiner gelöscht und so fraß sich das Feuer weiter. Als ich mich nähere, beginnt gerade die Frontseite zu brennen. Die Fassadengestaltung fand ich schon die ganze Zeit über hässlich, sie hatte was von Wellblechdach, aber dass sie auch noch so leicht entflammbar war, konnte ich mir kaum vorstellen. Nach kurzer Zeit steht das ganze Gebäude, über 150 m hoch, in Flammen. Ab und zu hören und sehen wir heftige Explosionen. Alles war wohl fertig ausgestattet, das Luxushotel, die Tonstudios, die Kinosäle …Und nun geht alles in Flammen und Rauchwolken auf.  Während ich filme, kommen immer mehr Menschen möglichst nahe ran, auf der dritten Ringstraße, direkt vor dem Gebäudekomplex, geht der Verkehr weiterhin langsam vorwärts, öffentliche Busse halten an und spucken Passagiere aus. Die Polizei guckt zu. Nach einer Stunde sehen wir, wie sich die ersten Feuerwehrwagen langsam nähern, denn die haben hier keine eingebaute Vorfahrt und die Straßen sind wie immer dicht. Windböen lassen ab und an die Funken fliegen und fachen riesige Flammen an. Etwas weiter wird gerade wieder ein Feuerwerk gezündet. Am nächsten Tag lesen wir, dass Angestellte des CCTV (Nationales Chinesisches Fernsehen) selbst das illegale Höhenfeuerwerk auf ihrem Gelände haben abbrennen lassen, ein toter Feuerwehrmann, sechs Verletzte, und bestimmt 100 Millionen Euro Sachschaden sind entstanden. Chinesen halten das für einen ganz schlechten Jahresanfang.

Ein paar Fotos des angebrannten Gebäudes finden sich hier

Niu-year

Niu – das Rind – grüßt von allen Plakatwänden, Fenstern, Tassen. Das Jahr des Rindes hat angefangen und es knallt und zischt seit fünf Tagen durch ganz Peking und sicherlich auch durch den nicht gerade kleinen Rest von China. Angeblich wurde noch mehr Feuerwerk verkauft als im vergangenen Jahr.

Wir finden es diesmal aber ruhiger als im vergangenen Jahr, als die Ratte begrüßt wurde. Immerhin war nach drei Uhr morgens erst mal für fünf Stunden Ruhe, bevor am Montagmorgen heftiges Trommeln, eher Paukenschlagen, im Verein mit lautem Feuerwerk mich weckte. Vor dem Kerry-Hotel gab es um 8.30 Uhr für die werten Gäste und die sich nicht wehren könnenden Anlieger einen traditionellen Drachentanz mit allem Budenzauber, den China zu Neujahr zu bieten hat. Auch die Zugfahrkartenverkäufe erreichten ungeahnte Höhen. Alle Welt verreist nach Hause. Nicht nur die Wanderarbeiter, auch die Angestellten der vielen Geschäfte und die Köche und Bedienungen der Restaurants. Peking wirkt wie ausgestorben. Die hier unbekannte Sonntagsruhe zieht gleich für eine ganze Woche ein. Das hieß natürlich auch, dass wir uns im Vorfeld für eine Woche mit allem ausrüsten mussten, was man für das leibliche Wohl braucht.

Wir haben uns schlau gemacht, was man denn unternehmen kann in dieser leeren Stadt. Die Straßen waren tatsächlich leer. Wäre es nicht so kalt, könnte man endlich mal nach Herzenslust Fahrrad fahren.

Also besuchen wir per U-Bahn, auch die Taxifahrer machen Heimaturlaub, den Lama-Tempel. Doch die völlig überfüllte U-Bahn fährt durch unsere Haltestation durch. Eins weiter steigen wir aus, um festzustellen, dass offensichtlich ganz Peking unsere Pläne teilt. Das Viertel rund um die Tempelanlage ist abgespeert und in einer langen Schlange warten die Menschen auf Durchlass, jeder mit Räucherstäben, Blumen und Obst beladen, um sie für ein gutes neues Niu-Jahr zu opfern. Wir ändern unseren Plan und ziehen in einem großen Bogen um das Tempelviertel herum zum Ditan (Erd-Tempel) Park. Menschenmassen wälzen sich durch diesen Park, in den wir aber immerhin hineingelangen. Aber schön ist etwas anderes. Eine Art Kirchweih/Kirmes wird hier gefeiert und alle machen mit. Als wir gehen wird auch hier abgesperrt und der Zugang reguliert. Es wurde auch allerhöchste Zeit.

Am nächsten Tag erholen wir uns – „mine Beene!!!“. Doch dann geht es weiter in den Tempel des Himmels (Tian Tan). Hier gibt es den nachgestellten traditionellen Einzug des chinesischen Kaisers zur Neujahrstempel – zeremonie im Tian Tan zu sehen. Unzählige Besucher schauen sich mit uns diesen „Zoch“ an, offensichtlich viele aus der Provinz, denn wir sind, selbst eifrig fotografierend, ein beliebtes Fotomotiv.

Es ist Donnerstag. Es wird weiterhin geknallt und gefeuerwerkelt und wir besuchen die nächste Tempelanlage, gleich bei uns um die Ecke. Schon vor dem Eingang bekommen wir viel zu sehen. Eine ausgesprochen fitte Rentnertruppe gibt ein zwischen Pekingoper und Dorftheater angesiedeltes Possenstück zum Besten. Es ist sehr unterhaltsam und findet begeisterte Zuschauer. In der Tempelanlage sind die verschiedensten traditionellen Jahrmarktsattraktionen zu bewundern: Mäusezirkus und Knetfigurenbastler, Zuckergußfigurenbläser, chinesisches Kasperltheater, aber auch Akrobaten, Wurfspiele, Fressbuden und mittendrin stehen die Räucheraltäre und werden Räucherstäbe und Obst und Geld geopfert. Die Menschen schreiben ihre Wünsche auf rote Holzplättchen, die an die Wegegitter gehängt werden, und beten vor bestimmten Götterfiguren, die wir nicht einordnen können. Denn in diesem Tempel gibt es Hunderte von Göttern, für wirklich jeden Zweck einen.

Mittlerweile ist Freitag. Heute Morgen war es draußen so laut, dass ich dachte, sie sprengen ein paar Hochhäuser in die Luft. Aber nein, am fünften Tag muss man es doch so richtig krachen lassen, denn danach ist erstmal Ruhe angesagt, bis zum 15. Tag des neuen Jahres. Da wird nochmals die Sau rausgelassen. Aber diesmal wissen wir, was uns erwartet.

Asien – ganz anders

Aber wirklich ganz anders als China war Japan. Für deutsche Ohren mag es komisch klingen: ein verlängertes Wochenende verbrachte ich in Japan, genauer gesagt in Osaka, Kyoto und Nara. Klaus hatte dort eine Woche lang beruflich zu tun und ich flog ihm nach. In Beijing hatte der Winter gerade beschlossen, jetzt wird es eiskalt und ich wusste auf dem superneuen Flughafen überhaupt nicht, wie schnell ich noch zittern sollte vor lauter Kälte. In Osaka waren die Temperaturen herbstlich und der Flughafen wohlbeheizt. Allerdings lag er auf einer Insel im Meer und die Anfahrt nach Osaka war lang. Mit dem Bus für 12 Euro eine Stunde Fahrt auf der linken Straßenseite, dann Direktausstieg vorm Hotel. Vor dem Einsteigen in den Bus hatte mir ein freundlicher Mann mit einem höflichen Diener meinen Koffer abgenommen, der Fahrer des Busses hatte mich mit Verbeugung begrüßt. Die Kofferträger verabschiedeten den Bus mit Verbeugung. Der Koffer wurde mir mit Verbeugung wieder überreicht. Wo man auch hinkommt, jeder verbeugt sich. Besonders auffällig ist das im Supermarkt, in den großen Malls. Jede Verkäuferin, die man beiläufig passiert, verbeugt sich tief.

Im Hotelzimmerbad befindet sich natürlich eine japanische Toilette: Beheizte Klobrille, automatische Spülung während des Urinablassens, integrierte Dusche und Fön für den unteren Körperteil, damit alles schön sauber wird – ganz ohne Toilettenpapier. Es fehlte nur noch der Zeitungshalter mit automatischer Umblättermechanik – kommt bestimmt noch! Der Ausblick aus dem Hotelzimmerfenster ist gewaltig: ein Häusermeer ohne Ende, der Flugzeugausblick beim Rückflug bestätigt diesen Eindruck. Kaum etwas Grünes ist zu sehen, dafür aber ein shintoistischer Schrein auf dem Hochhausdach nebenan – bizarr, neben den Abluftrohren!

Ein erster Bummel macht deutlich: Japan ist voll – viel voller an Menschen als China. Aber die Menschen sind rücksichtsvoller: man wird nicht umgelaufen oder angerempelt. Die Leute riechen nicht, spucken nicht, sind gut und geschmackvoll gekleidet – und ich verstehe mal wieder kein Wort! Lesen kann ich auch nichts. Osaka ist so voll, dass man auf einen Platz im Restaurant warten muss, auch wenn zwanzig Lokale nebeneinander und hunderte in nächster Umgebung,  – unter und überirdisch – zu finden sind. Und mit dir warten Massen. Dabei ist hier alles auch noch fürchterlich teuer. Die Dose Bier im Supermarkt nebenan kostet 2,50 Euro. Man geht besser ausländisch als japanisch essen, dann ist es eher erschwinglich und man kann besser anhand der Bilder auf der Speisekarte raten, was man aufgetischt bekommen wird.

Am nächsten Morgen donnert und blitzt es während wir ausführlich frühstücken. Der Zug soll uns nach Kyoto bringen. Am Bahnhof finden wir einen bei unserem Anblick völlig aufgeregten Schalterbeamten, der uns Karten verkauft und ungefragt Gleis und Abfahrtszeiten aufschreibt. Bahnhof und Zug sind unglaublich sauber, die Straßen Osakas ebefalls und Kyoto wird es auch ohne die Dauerregendusche, die wir morgens erleben, bereits gewesen sein.

Als wir den Kaiserpalast erreichen, hört der Regen auf und wir können an einer englischsprachigen Führung teilnehmen. Allerdings müssen wir unsere Pässe vorlegen und reservieren. Noch im vergangenen Jahrhundert war Kyoto Kaisersitz. Japaner dürfen nur einmal im Jahr den Palast besichtigen, Ausländer viel häufiger. Wir nutzen die Besichtigung der Außenanlagen für eine ausführliche Fotosession, die Innenräume werden uns nur per Film vorgeführt. Allerdings scheucht uns ein Aufseher, der hinter der Besichtigungsgruppe hergeht, voran. Am Ende lässt sich sogar die Sonne blicken und wir beschließen, auch noch die goldene Pagode zu besichtigen. Der Taxifahrer, im feinen Anzug, weißem Hemd und Krawatte, der uns hinbringen soll, steigt aus, um nach dem Fahrziel zu fragen, öffnet die Taxitür zu einem mit weißen Häkelschutzdeckchen ausstaffiertem Sitz. Es duftet gut und während der Fahrt bekommen wir Bonbons angeboten.

Am nächsten Tag besichtigen wir die alte Kaiserstadt Nara – einfach unglaublich, ich könnte seitenlang berichten über Tempel, Buddhas, japanische Hochzeiten, zahme Hirsche….

Und Osaka – am eindrucksvollsten sind mal wieder die Lebensmittelabteilungen der großen Kaufhäuser. Zum einen ist es die unglaubliche Vielfalt der Waren,zum anderen aber auch ganz besonders – und das scheint mir sehr japanisch –  die Schönheit und Akkuresse, in der die Ware angeboten wird. Wir konnten uns gar nicht satt sehen. Und wenn du nach all dem Kaffee und Kuchen zu dir nehmen willst, kniet sich die Bedienung neben dir hin, um deine Bestellung aufzunehmen. Damit ihr Kopf ja nicht höher ist als deiner.

Und doch, bei aller angenehmen und schmeichelnden Höflichkeit hatten wir doch den Eindruck, manchmal stehen die Japaner mit all dem sich selbst im Weg und kommen nicht voran. Man muss mit ihnen auch sehr geduldig sein.

Paddy fields

Welch ein Glück! Wir können mal wieder verreisen. Und diesmal sogar zu viert. Friederike ist zu Weihnachten gekommen. In Peking ist es fürchterlich kalt, aber wir fliegen in den Süden! Zunächst nach Kunming. Am Abend gehen wir essen – schön südöstlich-scharf, danach bummeln wir durch die Geschäftsstraßen und stoßen auf Massen von jungen Leuten, die sich einem besonderen Vergnügen hingeben: sie besprayen sich gegenseitig mit Schnee aus der Dose – es ist der 1. Weihnachtstag und für Südchinesen ist das ein Schneefest. Schon bald sind wir weiß, aber auch rosa, blau, grün, gelb gesprenkelt, weil der Kunstschnee vielfarbig aus den Dosen kommt.

Am nächsten Tag holt uns der Bus ab und bringt uns weiter ins ursprünglichere Yunnan nach Jianshui, wo wir in einem sehr alten und großen traditionellen Hofhaus untergebracht werden. Chinesische Himmelbetten, Frisierkommoden und sogar entsprechende Kleidungsstücke machen die Sache perfekt. Abends essen wir Cross Bridge Rice Noodles und nicht nur die Kinder der Umgebung schauen den langnasigen weißen Geistern beim Schlürfen der Nudelsuppe zu. Eine Teezeremonie und Gesang und Tanz runden den Abend ab. Eine schöne Altstadt, eine großartige Tempelanlage zur Verehrung des Konfuzius und ein Minderheitendorf in der näheren Umgebung sind die hiesigen Besichtigungsziele für unsere 20-köpfige Reisegruppe.

Eine weitere stundenlange Fahrt bringt uns zum tatsächlichen Ziel der Reise nach Yuanyang. In der neuen Stadt unten im Tal steigen wir an der Tankstelle aus und es ist subtropisch warm. Wir kaufen Früchte und nutzen die mal wieder katastrophale Toilette, – ein Thema, zu dem ich nichts mehr sagen muss, dran gewöhnen wird man sich nie, aufsuchen muss man sie leider.

Jetzt geht es nur noch bergauf in die Altstadt. Zwei Stunden spätersind wir auf 1800 m Höhe, über den Wolken, angekommen. Es ist kalt und feucht und mittlerweile dunkel und unsere Hotelzimmer sind kalt und feucht und miefig. Das Abendessen ist besser als angekündigt, dafür besteht das Frühstück entweder aus Reissuppe oder schlabbrigem Toastbrot mit Marmelade (vom Reiseleiter aus Peking mitgebracht). Außerdem speisen wir vollbekleidet mit Vlies- und Outdoorjacken. Immerhin gibt es warmen Kaffee. In Yunnan wird ein wunderbarer Kaffee angebaut.

Am nächsten Morgen regnet es. Unsere Reiseleiter machen sich Sorgen. Doch dann geht der Regen in Wolken über und auf der kurzen Busfahrt zum Hanidorf klart es auf. Die Hani sind ein Minderheitenvolk, das sich auf die Bergeshöhen zurückgezogen hat und hier nun Reis anbaut, mit Hilfe von Wasserbüffeln und in tausenden von terrassierten Reisfeldern. Zurzeit stehen diese paddy fields alle gerade unter Wasser , so dass sich jetzt fantastische Ansichten spiegelnder Flächen ergeben. Das Hanidorf sieht aus, als hätten sie hier für den kleinen Hobbit gefilmt. Ich stelle fest, hier müssen die Frauen die schwere körperliche Arbeit tun ( z.B. Steine schleppen in einer Rückentrage), während die Männer beraten, verwalten oder einen Wasserbüffel ins Feld treiben. Auf den Feldern scheint es derzeit nicht so viel Arbeit zu geben. Dafür können wir auf den schmalen Abgrenzungen rumturnen und viele Fotos machen. Zwischendurch kommt immer mal wieder eine Hani-Frau und will uns selbstgemachte Stoffe oder Ansichtskarten etc. verkaufen. Wie lang die Post von hier wohl brauchen wird? Ob sie je ankommt? Mit unserer Lebenswelt hat das hier dermaßen wenig zu tun. Wir fühlen uns wie in einem Museumsdorf. Zudem ist die Verständigung ausgesprochen schwierig, da der hiesige Dialekt wenig mit unserem Mandarin-Chinesisch zu tun hat.

Als wir nach einem langen Tag in den Feldern zurück zum Hotel kommen, findet dort gerade eine Hochzeitsfeier statt. Chinesische Hochzeiten dauern nur ca zwei Stunden, aber es kommen Unmengen von Menschen. Alle bekommen zu essen und zu trinken und dann können sie wieder heimgehen. Das Brautpaar unternimmt allerdings eine Hochzeitsreise. Irgendwie müssen sie sich ja auch besser kennen lernen, viele Ehen werden immer noch von den Eltern arrangiert, viele Chinesen sind nicht aufgeklärt und völlig verklemmt. So sieht man nur sehr selten händchenhaltende Liebespaare in der Öffentlichkeit.

Im Ort durchwandern wir noch im dämmerigen Nebel die Marktstraße mit ihrem reichhaltigen Angebot. Die Marktfrauen tragen die gleiche Tracht wie die jungen Mädchen, die auf dem zentralen Platz für eine traditionelle Tanzdarbietung üben. Traditionelle Handarbeiten können wir in einem Laden kaufen, den ein Hilfsprojekt zur Stärkung des Selbstbewusstseins der Hani-Frauen betreibt. Schwere LKW und Kleinstwagen, Lastmopeds und dreirädrige Kleinlaster hupen sich durch die einzige befahrbare Straße. Das einfache, aber schmackhafte Abendessen nehmen wir wieder dickbemantelt ein. Und zittern uns danach durch die letzte kalte Nacht auf diesem Berg. Am nächsten Tag fahren wir fast nur Bus, bewundern die Landschaften, besichtigen das zweitgrößte Tiannanmen (südliches Himmelstor) in Jianshui, um am Abend ins eiskalte Peking zurück zu fliegen.

Ein Jahr China

Tatsache, ein Jahr China liegt bereits hinter uns – und? Hat sich was verändert?

Natürlich. Ich rede jetzt mal nur von mir – das muss doch jede selbst für sich festmachen. Beim Heimaturlaub wurden rote Ampeln ignoriert, dafür stand ich an jedem Zebrastreifen erstmal fest auf dem Fußweg und vergewisserte mich, dass weder Autos noch Radfahrer vorbeikamen. Selbst Auto fahrend musste ich mir ständig sagen: rechts fahren, links überholen und Rücksicht nehmen! In Peking wieder angekommen, mussten alle diese guten Grundsätze beim Radfahren sofort wieder vergessen werden. Ich habe den Eindruck, ich fahre aggressiver denn je zuvor, haue mich schneidenden Taxifahrern auf die Kühlerhaube oder gegen die Fenster und schimpfe lauthals – allerdings auf deutsch – trotzdem guckte sich neulich ein Fußgänger um, eine Langnase. Ob er mich verstanden hat? Peinlich! Nun ja, es wird jetzt deutlich kälter und die Radtouren werden abnehmen. Unser Fahrer ist ja auch wieder zurück aus dem Firmenurlaub. 2000 chinesische Bayeraner waren eine Woche lang in Macau – einschließlich einiger „weißer Geister“ und unserem Fahrer. Allerdings darf er dienstags nicht mehr fahren, im Oktober war es der Montag. An jedem Montag bis Freitag dürfen die Fahrzeuge mit je zwei bestimmten Kennzeichen-Endziffern nicht fahren (1+6,2+7,…) irgendwie muss Peking mit den Automassen fertig werden. Werden weiterhin so viele zusätzliche Fahrzeuge zugelassen, wird bald wieder die Olympia-Regelung eingeführt werden: nur noch jeden zweiten Tag.

Bei uns daheim heißt das zur Zeit: nur noch jede zweite Lampe. Es ist schon interessant, nach einem Jahr hat mehr als die Hälfte der Halogenlampen ihren Geist aufgegeben, die Wohnzimmerlampe verfügt nur noch über einen geringen Teil ihrer ursprünglichen Leuchtkraft, und vor einer Woche schaltete sich auch noch einfach das Internet aus. Es brauchte mehrere Fachleute, um rauszubekommen, dass wir einfach wieder bezahlen müssen. Rechnung haben wir zwar keine bekommen, aber wie beim Strom oder beim Gas merkt man ja dadurch, dass es nicht mehr funktioniert, dass mal wieder eine kleine Überweisung not tut. So was passiert natürlich, wenn der einzige Computerexperte im Haus in Macau weilt und auf meine Vermutung, es könnte am Geld liegen, deutlichst fernmeldet, das sei völlig abwegig. Jetzt warten wir darauf, dass unser Fernseher schwarz wird, denn die Bezahlung müsste jetzt auch auslaufen.

Allerdings, als ich neulich Gas nachkaufte, aus Deutschland zurückkehrend und nicht mehr kochen könnend, half das gar nicht. Erst ein seeehhhhrrrr verspäteter Hinweis meines derzeit noch in Deutschland weilenden Ehepartners – er habe nicht nur alle Stecker gezogen (mit Ausnahme meines Computersteckers – haha!) sondern auch das Gas abgedreht, brachte meine Suppe zum Kochen.

Ja, und dann stelle ich fest, dass ich mich hier natürlich zu Hause fühle, etliche neue Freundschaften haben sich in diesem Jahr entwickelt – leider verlassen die ersten FreundInnen schon wieder das Land – und es gibt so etwas wie einen alltäglichen Trott. Aber Tatsache ist auch, dass Deutschlandbesuche nicht gut tun – zumindest hinterher nicht. Ich hatte Heimweh. Dieses Leiden habe ich zuletzt mit 16 Jahren verspürt. Jetzt war es wieder da. Aber es ist vorüber. Der Alltag hat mich wieder. Ich lerne chinesisch, kämpfe gegen den Staub, trinke mein Käffchen mit Anne, male mit Sabine, Barbara und Gunhilde und singe mit fast hundert Leuten im Deutschen Chor. Am nächsten Wochenende geben wir zwei Konzerte: Carmina Burana – und noch bin ich erkältet. Irgendwie kenne ich das aus der Vorweihnachtszeit in Essen. Heiligabend war die Stimme aber immer wieder da – nächstes Wochenende besimmt auch und dann werde ich im Alt 2 deutlich zu hören sein. Ich freu mich drauf.