Der Einzelne zählt nichts

Die Einzelperson zählt anscheinend nicht in einem Land mit 1,3 Milliarden Menschen. In diesen Tagen fand ich (wieder einmal) einen deutlichen Beleg für diese Aussage.

In der chinesischen Provinz gab es einen Verkehrsunfall mit 19 Toten und vielen Verletzten. Ein Fahrzeug war in eine Menschengruppe gerast, was die vielen Toten verursacht hat. In Europa wäre diese schreckliche Meldung sicher in allen Zeitungen auf der Titelseite erschienen und in den Fernsehnachrichten als erste Meldung gekommen. Gerade gehen die Nachrichten über den Amoklauf in einer US Kaserne an prominenter Stelle durch alle Medien, auch durch die chinesischen Zeitungen und Fernsehnachrichten.

Nicht so die Meldung über den Verkehrsunfall mit 19 Toten. Haben Sie davon gehört? Sicher nicht. Sie denken: Naja China ist weit – aber in China wird man schon breit darüber berichtet haben. Weit gefehlt. Ich fand diese schreckliche Nachricht in einer einspaltigen Meldung auf Seite 3 der China Daily, einer Tageszeitung in Englisch, die für die hier lebenden Ausländer gedruckt wird. Ein Unglück mit 19 Toten ist wohl nicht wichtig genug für die Titelseite.

Ich lese häufiger die englische Seite der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua um mich über die Geschehnisse hier im Land zu informieren. Erschreckend häufig finden sich dort kleine Meldungen über Unglücke mit vielen Toten und Verletzten. Aber niemals schaffen es solche Meldungen in die Top-Meldungen der Nachrichtenagentur.

Es scheint zu stimmen: Das Schicksal des Einzelnen zählt nichts.

Was – Wo – Wieviel?

Was machst du nur die ganze Zeit in Peking?  Nun, es gibt viel zu tun. Zur Zeit bin ich schwer beschäftigt mit Weihnachtsvorbereitungen. Nein, nein, keine Predigten schreiben oder Krippenspiele konzipieren. Wir bereiten den Weihnachtsmarkt auf dem Botschaftsgelände vor. Da gibt es viel zu tun. Weihnachtsschmuck basteln, alles zurechtmachen, damit kurzfristig frische Adventskränze gebunden werden können – die nadeln hier leider viel schneller als in Deutschland – und Freiwillige müssen gefunden werden, die an diesem Tag Standdienste übernehmen, als Nikolaus Geschenkchen verteilen, oder am Vortag beim Aufbau helfen. Immer mittwoch morgens treffen wir uns zur ehrenamtlichen Arbeit, aber auch zum Kaffee trinken und zum Informationsaustausch. Und der ist nicht unwichtig.

Meistens geht das so: „Du hast schon wieder eine neue Brille! Schick!“  – „Ja, ich hab da einen Optiker entdeckt, der macht das alles perfekt zu einem Super-Preis.“  – „Aber, die Qualität?“  –   „Ich habs überprüft. Er hat beim Vermessen die gleichen Werte wie der Augenarzt rausbekommen. Und die Gleitsichtgläser funktionieren optimal. Nach einem Tag hatte ich meine Brille. Und die gebogene Sonnenbrille mit Gläsern meiner Stärke und verlaufender Tönung war einen Tag später auch fertig.“

Und schon fragen alle drumherum: „was – wo – wieviel?“ und es wird ein Termin ausgemacht, um gemeinsam dieses Wundergeschäft zu betreten, damit man von den ausgehandelten Superkonditionen der Kollegin profitieren kann.

So fuhr ich gestern mit zwei Bekannten zu einem großen Gebäude weit außerhalb, wo es Kaschmirstoffe und -Wollen in bester Qualität zu Spitzenpreisen gibt. Beladen mit Mantel- und Anzugstoffen, Futterseiden und Knöpfen zogen wir nach 90 min wieder zufrieden ab. Für Strickwolle hatte ich keine Hand mehr frei. Mein Portemonnaie hätte allerdings noch mitgemacht – es waren wirklich gute Preise. Und am Abend ging es samt Ehemann zum empfohlenen Schneider, damit er für den Deutschen Ball noch pünktlich einen schwarzen Anzug bekommt.

Diese Adressen weiter zu geben darf man nicht vergessen, denn diese Häuser zu finden ist wirklich schwer. So sammeln wir mingpians – Visitenkarten – ein und machen neue Termine mit anderen Bekannten aus.

Manche Adresse ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. So gibt es eine Taschenhandlung, die wohl sehr gute Taschen, sehr teure Marken, zu sehr günstigen Preisen verkauft. Wer an einer bestimmten, völlig unscheinbaren Tür klopft, wird zunächst kritisch beäugt, die Umgebung wird ebenfalls misstrauisch beobachtet, erst dann darf man eintreten. Ihr Mann habe sie, nachdem sie ihm angesichts der neuen Tasche davon berichtete, gebeten, diesen Laden nicht mehr zu betreten, erzählt eine Mitstreiterin. Bei einer Polizeirazzia zufällig dort anwesend zu sein und aufs Revier mitgenommen zu werden würde für den Gatten – seines Zeichens Wirtschaftsprüfer –  das berufliche Desaster bedeuten. Aber sie meinte, die Warnung sei überflüssig gewesen. Ihr habe das Herz schon so zu heftig geklopft.

Aber wo sie sie findet, die perfekte Lederschneiderin, den besten Obst- und Gemüsemarkt, die Handlung für chinesische Möbel, die günstige Bezugsquelle für europäischen Wein, erfährt frau nur auf diesem Wege.

Wo man derzeit am besten essen gehen kann, wird mir heute abend mal wieder gezeigt werden. Einmal die Woche trifft sich der deutsche Chor und probt das Bach’sche Weihnachtsoratorium. Anschließend gehen wir essen. Was – wo – wieviel?

Fotos

Wir werden immer wieder gefragt, ob wir neue Fotos haben. Ich habe mich deshalb mal auf die Suche gemacht, wo ich meine Fotos im Internet veröffentlichen kann. Ich habe mich schließlich für flickr entschieden.

Meine Fotos finden sich also ab sofort unter: http://www.flickr.com/photos/klaus-blatt/

Dort gibt es verschiedene Alben mitFotos von mir. Ich empfehle auf das Symbol Diashow zu klicken.

Ich versuche jeweils einen kleinen Beitrag hier zu veroeffentlichen, wenn es sich lohnt mal wieder auf die Seite zu gehen. Aktuell habe ich ein Album mit dem Titel „60 Jahre V.R. China“ angelegt. Diese Bilder wurden wenige Tage nach dem 60. Jahrestag der Volksrepublik China auf dem Tian’men Platz aufgenommen. Zu sehen sind u.a. einige Motivwagen von der Parade am 1. Oktober

Gäste

In diesem Jahr bekamen wir viel Besuch aus Deutschland (und der Schweiz) – auch wenn nicht alle, die sich angekündigt hatten, gekommen sind.

Gäste sind eine willkommene Abwechslung im nun doch schon Alltag gewordenen Leben hier in Peking. Sie machen mir immer wieder deutlich, wie anders es hier ist. An vieles, das Gehupe, Durcheinanderfahren, die Menschenmassen, das Vordrängeln, die Lautstärke in Restaurants, die Gerüche der Menschen und der Umgebung habe ich mich längst gewöhnt.

Da ist es interessant, wenn die Gäste merkwürdige Fahrzeuge oder in unglaublichen Situationen schlafende Chinesen fotografieren, sich über günstigste Preise für Getränke, Schreibwaren oder Bücher wundern, die überall präsenten Sicherheitskräfte bemerken, die unendliche Zahl der modernen Malls und Hochhäuser in Peking betonen. Und manchmal wollen sie auch an Orte, die wir noch gar nicht wahrgenommen haben.

Viel schwieriger ist es, mit der Zeit noch zu wissen, welche Sehenswürdigkeiten man dem aktuellen Gast schon gezeigt hat und was noch nicht; was man selbst oder ein anderes Familienmitglied ihm bereits erzählt hat und auf welche wichtigen Einkäufe man ihn noch hinweisen muss. Besonders schwierig wurde dies, als unsere Tochter Friederike sechs Wochen lang da war, zunächst begleitet von einer Freundin, dann allein und anschließend mit ihrem Freund. Sie hat bestimmt manches mehrmals gehört und natürlich hat sie viele Sehenswürdigkeiten mehrfach gesehen – in wechselnder Begleitung.

Die schlimmsten Auswirkungen auf uns hat allerdings das allseits beliebte Essengehen. Manchmal denke ich, wir könnten mehr daheim kochen, aber unser Besuch will ja nun gerade keine deutschen oder italienischen Gerichte, wie sie bei uns üblich  sind, sondern alle wollen chinesisch essen, am liebsten einmal durch alle Provinzküchen hindurch. Und so essen wir Peking-Küche (inklusive  – Ente), Sichuan scharf, Yunnan fremd und exotisch, Hakka ursprünglich, Shanghai süß und essen und essen und essen jedesmal ordentlich chinesisch mit vielen verschiedenen Gerichten auf dem Tisch, bei denen jeder mit seinen Stäbchen zulangen darf (was alle Gäste schnell erlernt hatten). Außerdem gibt es noch wunderbarevietnamesische und thailändische Restaurants, der Inder kocht super lecker – und scharf! – und italienisch, deutsch oder vielfältig gesund kann man hier auch essen. Dazu wird so manches Glas Tschingdao (chin. Bier) geleert. Und wenn der Besuch weg ist, müssen wir dringend fasten.

Derzeit ist kein Besuch angekündigt. Wir haben auch eine etwas längere Fastenzeit sehr nötig.

space for monks

Wenn man schon mal in Asien ist, kann man den Sommerurlaub doch in Südostasien verbringen, dachten wir und fuhren nach Kambodscha und Thailand.

Meine Familie macht sich üblicherweise darüber lustig, dass ich mich vorher immer ausführlich mit unseren Reisezielen beschäftige. Diesmal war ich in dieser Beziehung eher nachlässig. Mit den Tempelanlagen von Angkor  kannte ich mich zwar ein wenig aus, aber zu Thailand hatte ich nichts gelesen. Wir wollten ja auch nur Badeurlaub auf einer Insel machen. Umgekehrt wäre es sinnvoller gewesen.

Am kleinen Flughafen der zweitgrößten Stadt Kambodschas, Siem Reap, wurden wir von einem freundlichen Reiseführer empfangen, der nicht nur englisch, sondern auch zu unserer Überraschung deutsch sprach – nicht perfekt, aber völlig ausreichend. Er brachte uns ins wunderschöne Hotel und anschließend ging es gleich los, die zahlreichen Tempelanlagen rund um Angkor Wat zu bestaunen. Drei Tage lang führte er uns mit kompetenten Ausführungen durch dieses Weltwunder. Wir staunten und schwitzten in tropischer Hitze, genossen die kambodschanische Küche, freuten uns über die Freundlichkeit der Menschen. Aber wir sahen auch die Armut und die Opfer von Terrorherrschaft und Bürgerkrieg, verkrüppelte Menschen, ohne Beine, ohne Arme, blind, manchmal mehrfach versehrt. Noch immer wird vor Landminen gewarnt. Kinder betteln oder verkaufen Souvenirs statt zur Schule zu gehen. Es gibt keine allgemeine Schulpflicht in diesem Land, in dem eine Familie durchschnittlich sieben Kinder hat. Die Hauptverkehrsmittel sind Motorräder, auf denen  wir bis zu fünf Menschen Platz finden sahen, und Tuktuks, die als Taxis genutzt werden. Erwähnen sollte ich noch, dass wir Elefanten und Affen und eine geflügelte Eidechse, quasi einen Minidrachen, getroffen haben.

Am vierten Tag flogen wir voller neuer Eindrücke, aber doch auch erschöpft von SiemReap nach Koh Samui, einer thailändischen Insel, mit noch kleinerem Flughafen.

Palmen, weißer Strand, blau-türkises Meer, tolles Hotel mit zwei großen Pools und ausreichend vielen Liegestühlen – was will man mehr, um sich zu erholen?  Keinen Sonnenbrand! Den haben wir uns nämlich alle drei geholt trotz 50er-Faktor-Sonnencreme und Regenschauern, die uns manchmal von Strand und Pool fernhielten. Es ist eben Monsunzeit. Der Taifun, der gerade unterwegs war, zog weiter östlich seine zerstörerische Bahn . Wir erholten uns wunderbar. Kein Problem!

Ein Tag Bangkok bildete den Abschluss unseres Urlaubs. Nach einer längeren Fahrt vom Flughafen ins Hotel fuhren wir mit dem Sky-train zum Fluss. Wir saßen nebeneinander in der Bahn, als eine Frau neben Charlotte aufstand und einem Mönch ihren Sitzplatz anbot. Dieser war weder alt noch gebrechlich, doch es gab offensichtlich Probleme. So wurde Klaus gebeten, aufzustehen und mit Charlotte die Plätze zu tauschen. Erst dann setzte sich der buddhistische Mönch.

Wir kauften Tagestickets für die Flussschiffahrt und bestiegen das nächste Schiff. Und konnten es gar nicht glauben. Da gab es doch tatsächlich einen „space for monks“ und die gelbgewandeten Herren ließen auch nicht lange auf sich warten. Die anderen Passagiere hatten Platz zu machen, besonders die Frauen. Die Thailänder beschäftigten sich allerdings mit etwas ganz anderem als wir. Auf dem Schiff stand ein europäisches Paar engumschlungen und küsste sich immer wieder. Ja, hätte ich mich doch vorher schlau gemacht! Dann hätte ich es gewusst. Thailänder berühren sich nicht in der Öffentlichkeit, des anderen Kopf anzufassen, ist so intim, dass man noch nicht einmal ein süßes kleines Baby streicheln sollte, geschweige denn eine Person des anderen Geschlechts küssen. Und Mönchen ist es strikt untersagt, mit einer Frau auch nur irgendwie in Kontakt zu kommen. Was hätten sie nur gemacht, hätte ich mich, unwissend wie ich war, neben sie auf die Bank am Pier gesetzt? Selbst wenn sie zufällig mit aufs Foto gerieten, hoben sie noch die Hand vor die Augen. Ansonsten staunten wir über die enormen Vorbereitungen zum bevorstehenden Geburtstag Königin Sirikits, über eine Massenansammlung von Wahrsagern und ihre zahlreichen Kunden ( ich hielt das ganze zunächst für eine Bingo-Veranstaltung) und wir waren enttäuscht über die Schließungszeiten der interessanten Gebäudekomplexe: 15.30 Uhr. Aber das Essen war schon wieder phantastisch lecker!

Und die Idee mit dem space for monks – darüber müsste ich noch mal nachdenken.

Wie wäre es mit: Sitzplätze für PfarrerInnen – in Bussen und Bahnen? Das gäbe eine Kirchenaustrittswelle!!!

Summer in the City

Manchmal frag ich mich, wenn ich im Sommer durch Pekings Straßen unterwegs bin, ob ich wirklich in einer MegaCity oder in einem Konglomerat von Dörfern stecke. Die Männerwelt, ob jung oder alt, hat ihren Oberkörper allein mit einem Unterhemd bekleidet, das auch noch dekorativ bis unter die Brusthochgezogen ist; ganz kecke Herren lassen sogar noch die Brustwarzen drunterweg blinzeln.

In Ermangelung eines Sommerhutes oder Sonnenschirms wird als Sonnenschutz ein Handtuch auf dem Kopf drapiert.

Zur Weißerhaltung der Haut trägt der/die RadfahrerIn erstens eine spezielle Sonnenhaube, zweitens eine Art Frisierumhang als Schulterschutz, so etwas wie Ärmelschoner als Armabdeckung und natürlichweiße Handschuhe. Den Sonnenschirmhalter am Fahrrad habe ich in Nanjing auch noch entdeckt.

Die kleinsten in der Kinderschar tragen hier ja üblicherweise im Schritt offene Hosen. Bei Taxifahrten wird mal kurz eine Windel eingelegt, aber nicht festgeklebt, so dass sie nach der Fahrt wieder in die Tasche gesteckt werden kann. Im Sommer allerdings ist manches Kind auch unten ohne unterwegs, besonders die Knaben, auf die ihre Eltern ja immer noch besonders stolz sind.

Manch kleiner Geschäftsmann in den alten Pekinger Gassen hat sich im Schatten eines Baumes neben seiner Ladentür einen Liegestuhl oder sein eisernes Bettgestell aufgebaut und verbringt so die wärmsten Stunden des Tages. Die Nachbarschaft hockt etwas weiter weg zusammen um eine Kiste oder so und spielt Karten.

Und im Park treffen sich die musikalischen Menschen und geben nicht weit entfernt voneinander Kostproben ihres Könnens oder unterrichten auch wissbegierige Passanten. Am Sonntag hatten wir das Vergnügen, gleich eine ganze Blaskapelle, oder eher ein Swingorchester, im Kohlenhügelpark anzutreffen. Die Parkbummler nahmen die Einladung zum Tanz bereitwillig an.

Chinesische Nachrichten

Seit wir in China leben verfolgen wir das Leben in diesem Land natürlich etwas genauer. Zwei der Informationsquellen sind die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua und die Website German.China

Beim Lesen dieser Nachrichtenquellen bin ich immer wieder erschüttert über die vielen Unglücksfaelle und Katastrophen in China. Keine Woche vergeht ohne Bergwerksunglück, on Fabrik-Explosion, eingestürzte Brücke oder ähnlichem.

Darüber hinaus  wird über beide quellen immer die offizielle Sichtweise publiziert. Es ist schon interessant zu erleben, wie sich dies in den Meinungen der Mitarbeiter und Kollegen in der Firma wiederspiegelt. Es gibt eben nur diese Darstellung, keine alternativen Medien, die die offizielle Meinung hinterfragen. Wir erleben diese Gleichschaltung hin und wieder wenn westliche Fernsehnachrichten (BBC, CNN, ..) zensiert werden. Frei nach dem Motto: Kein Bild, kein Ton – Mit freundlichen Grüssen vom chinesischen Zensor.

Allerdings ist inbesondere die oben angeführte deutschsprachige Seite auch immer für einen ungewollten Scherz gut. So gab es vor einiger Zeit einen kritischen Artikel über den Empfang der dänischen Regierung für den Dalai Lama. In dem Artikel wurde die daenische Regierung indirekt aufgefordert ihr Verhalten zu bereuen undSelbstkritik zu ueben. Die Kulturrevolution scheint also noch icht ganz ueberwunden zu sein.

Heute fand ich einen Artikel ueber einen Atomunfall, den ich den Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten moechte. Er wirft nicht nur ein Licht auf die hiesigen Umweltstandards, besonders bemerkenswert ist die Sprache des Artikels. Hier der Link

Zu Fuss unterwegs in China

Wir waren also unterwegs zu heiligen Bergen und interessanten Städten.

Unser erster, den Daoisten heilige Berg war der Tai Shan. Auf seinem Gipfel steht der Tempel des Jadekaisers, des höchsten daoistischen Gottes. Um dorthin gelangen zu können, wurde der Berg mit Treppen versehen, die auch wir jetzt empor steigen wollten. Es sind 6660 Stufen. Auf der Hälfte der Strecke gibt es einen Tempel, eine Gaststätte und eine Seilbahnstation, die wir nach über 3000 gelaufenen Stufen wegen der unglaublichen Hitze ansteuerten. Gemeinsam mit einer buddhistischen Nonne fuhren wir hinauf zum Gipfel. Dort hatten wir weitere unendlich viele Stufen zu betreten, rauf und runter und wieder rauf… bis wir unser Hotel erreichten. Die Nacht war kurz. Um 4.15h wurden wir geweckt, damit wir mit vielen warm eingepackten jungen und sehr alten Chinesen den Sonnenaufgang erleben konnten. Der Tai Shan ist der Berg der Schöpfung. Das zeigen auch die Fotos vom Aufgang der Sonne – einfach paradiesisch. Und man kann auch erkennen, wie Mao auf seine hier gesprochen Worten „Der Osten ist rot“  kam.

Zudem glauben die Daoisten an die „Beseeltheit“ der Berge, die eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Göttern und Menschen bringen. Wer den Tai Shan besteige, werde 100 Jahre alt. So viel Schöpfungskraft stecke in ihm. Nun – wer’s glaubt. Auf jeden Fall machen sich viele nachts in aller Dunkelheit und Kälte auf den mühevollen Weg. Die meisten eher leicht bekleidet, ohne Regenschutz und in Stoffschuhen oder Flipflops.Oben leihen sie sich einen wattierten grünen Mantel.

Nach dem  Morgengrauen folgte das Frühstück – rein chinesisch mit Reisschleim, scharfen Gemüsen, etwas Keks und Tee nach Anfrage – und dann das Grauen des Abstiegs. Denn wir gingen den ganzen Weg zu Fuß – die letzten 2000 Stufen waren eine einzige Qual. Meine Füße wussten nicht mehr so ganz genau, wie sie sich weiter zu bewegen hatten. Mit einem für 10 Yuan erstandenen Gehstock ging es schon etwas besser, aber unten angekommen, konnte ich kaum noch in ein Taxi steigen, um ins einzige Cafe im Ort zu gelangen. Ich hatte Treppensteigen trainiert, allerdings nur aufwärts. Das war mir auch deutlich leichter gefallen – sehr lange Treppen meisterte ich im Stufe für Stufe silbengetrennten Vormichhinmurmeln des 23. Psalms, der mich mit „Stec -ken und Stab“ und „fri-schem Was-ser“ direkt unterstützte – und hatte keine weiteren negativen Folgen gehabt. Treppab verlangte danach doch von uns beiden einen Tag der Rekonvaleszenz im schönen Hangzhou am Westsee. Doch die nächsten Klosteranlagen warteten in Hangzhou, natürlich wieder auf Hügeln, und wurden alle besichtigt. Abends sorgte der See vor unserem Hotel für die Erholung.

Von dort aus fuhren wir zum nicht heiligen, aber schönsten Berg Chinas, zum Huang Shan, der mit vielen mit Kiefern bewachsenen Gipfeln, von Wolken partiell eingehüllt, wunderbar aussieht. Ich erklärte, dass nicht der Weg, sondern der Gipfel mein Ziel sei und fuhr per Bus und Seilbahn hinauf. Oben angelangt erwarteten mich wieder Treppenwege ohne Ende. Da ich allein unterwegs war, meine Begleiterin sah das mit dem Weg und dem Ziel anders, machte ich unterwegs auf dem Berg viele nette Bekanntschaften. Unter anderem sprach ich mit einem Träger, der seinen Lebensunterhalt dadurch verdient, dass er Getränkedosen, Reis, Zement etc. den Berg hinaufschleppt. Das Bambusstangenjoch mit seiner Last war für mich nicht einmal vom Boden hoch zu heben, geschweige denn, über Stufen hinaufzutragen.

Der Huang Shan ist über 2000 m hoch und sammelte im Laufe des Tages so viele Wolken ein, dass es ab Abend regnete. Es gab also keinen Sonnenaufgang zu sehen und ich ersparte mir auch den Abstieg bei Dauerregen und fuhr mit einer chinesischen Reisegruppe wieder per Gondel bergab. Bis ich das Hotel im Tal erreichte, war ich trotzdem völlig durchnässt. Meine Bergschuhe brauchten drei Tage zum Trocknen. Meine Bekannte, natürlich den ganzen Weg gelaufen, konnte ebenfalls alles auswringen.

Die schöne Altstadt von Huangshanshi mit ihren typischen weißen Häusern mit Pferdekopfgiebeln und Holzornamentik überraschte uns mit einem kleinen Cafe zum Entspannen.

Nach einem Zwischenstop in Nanjing reisten wir Richtung Song Shan (Shaolinkloster und Longmengrotten), sehr heiß, sehr eindrucksvoll, die Städte sehr trostlos.

Und dann folgte der letzte und meiner Meinung nach schönste Berg, der Hua Shan in der Nähe von Xi’an. Diesmal fuhren wir gemeinsam mit der östereichischen Seilbahn hinauf, denn der Berg besitzt fünf Gipfel, die nur über unzählige, sehr steile Treppen-, quasi Leiterstufen zu erreichen sind, wobei man sich an den Seiten an Stahlseilen halten kann. Die Wolken brachten etwas Schatten, aber am Tag keinen Regen, die schönen Aussichtspunkte boten Möglichkeiten zum Erholen, Malen, Reden, Staunen, Leute kennenlernen. z.B. den alten Herrn mit vollgeladener Kiepe, der in aller Seelenruhe auf dem Weg zum Südgipfel war.

Auf all den Bergen, in Zügen und Bussen waren wir fast die einzigen Langnasen gewesen, erst in Xi’an, bei den Terracotta-Kriegern holte mich der weltweite Massentourismus mit seinen klimatisierten Reisebussen wieder ein. Allerdings fuhr ich mit dem Linienbus, der natürlich nichts besseres wusste, als eine im Umbau befindliche Straße zu befahren, mit riesigen Schlaglöchern, Gegenverkehr von allen Seiten und Strommasten mitten auf der Fahrbahn. Die Erholung im muslimischen Viertel in Xi’an mit Tee und Kebab und frischem Obst hatte ich mir verdient. Am späten Abend ging es mit einem wetterbedingten Rüttelflug zurück nach Beijing.

Bus und Bahn

China ist ein großes Land. Um zu reisen nimmt man am besten ein Flugzeug. Aber wir, eine Bekannte aus Deutschland und ich, wollten es anders machen.

Nur mit Bus und Bahn – und zu Fuss – machten wir uns auf den Weg zu heiligen Bergen und interessanten Städten. Doch so einfach ist das nicht. Die Fahrkarten für den Zug bekommt man nur in dem Ort, von dem der Zug abfährt. Aber man sollte sich einige Tage vor der Abfahrt zum Kauf der Billetts anstellen, um einen ordentlichen Sitz oder Liegeplatz zu bekommen. Sonst landet man in der „Holzklasse“ (Hardseater) oder muss draußen bleiben. Ein freundlicher deutschsprachiger chinesischer Reisefachmann half uns bei Planung und Durchführung der Reise. Die Karten wurden uns ins jeweilige Hotel gebracht, in Shanghai stand morgens um 6 ein ebenfalls deutschsprachiger Chinese ( namens Oskar) vor der Waggontür und überbrachte die Karten für den Anschlusszug. Zudem geleitete er uns noch zum richtigen Wartesaal, der in großen Bahnhöfen nicht so leicht zu entdecken ist. Man sollte mindestens eine Stunde vorher im Bahnhof erscheinen, um einen Sitzplatz im richtigen Wartesaal in den Reihen unter der richtigen Zugnummer zu erwischen. Eine Viertelstunde vor Ankunft des Zuges geht das Eisengitter Richtung Bahnsteige auf. Nur die Treppe zum richtigen Bahnsteig ist erreichbar. Am Zug ist jeweils eine Tür pro Waggon geöffnet und der Waggonschaffner kontrolliert die Karten. Im Softsleeper (vier Liegen mit bestickten Bettbezügen und Kaffee zum Frühstück) tauscht die Waggonschaffnerin die Fahrkarten gegen Bettnummern aus und kommt am nächsten Morgen – manchmal mit Kaffee – und weckt die Fahrgäste eine halbe Stunde bevor sie aussteigen müssen.

Mit der Zeit konnten wir perfekt Bahnfahren. Anschließend Busfahren war die nächste Herausforderung. Denn auf dem Bahnhofsvorplatz warteten schon die SchleußerInnen, die uns zu Privattaxen, -Kleinbussen etc abschleppen wollten. Natürlich alles überteuert und nicht zu empfehlen. Doch wie findet man den richtigen Bus? Wo mag er nur stehen? Und wer gibt einem eine korrekte Antwort? Man muss sich selbst umschauen. Alle anderen müssen mit den wenigen Touristen, die kommen, Geld verdienen, denn es gibt viel zu wenig Arbeit in der Provinz. Also entweder lange auf eigene Faust suchen oder aber den bestmöglichen Deal machen. Ob wir den richtigen Preis zahlen ist eh nicht klar. In den Geschäften versuchten sie immer wieder, von uns andere Preise für Wasserflaschen und Kekse und Obst zu bekommen als von Einheimischen. ( Die Ausnahme machte ein kleiner Supermarkt im muslimischen Marktviertel in Xi’an. Alles war mit korrekten Preisen ausgezeichnet!) Aber auch für die anderen galt: Es war immer noch billig genug. Und für manchen Chinesen richtig teuer. Ungerecht ist es allemal.

In Luoyang entschieden wir uns, einer Frau in Bahnuniform zu folgen, die uns zu einem Ticketoffice führte. Dort verkaufte sie uns zwei Bustickets für jeweils 40 Yuan, 4 Euro. Der Bus sollte uns in den Ort Dengfeng beim Shaolinkloster der Kungfu-Kämpfer bringen. Zu unserer Überraschung brachte sie uns zu einem Kleinbus, in dem viele Chinesen mit Reiseleiter und einige „Langnasen“ saßen. Diese erzählten uns, dass sie für 30 bzw. 40 Yuan eine Besichtigungstour der Shaolinklöster und des Songshan  mit Hin- und Rückfahrt gebucht hatten. Wir legten beim Fahrer Protest gegen den überhöhten Fahrpreis ein. (Die Eintrittspreise kamen natürlich vor Ort noch hinzu) Dann überlegten wir uns, dass wir die Besichtigungstour mitmachen könnten und beim letzten Kloster ein Taxi zum nahegelegenen Hotel für diese Nacht nehmen könnten. Alles fügte sich wunderbar und zum Schluß bekamen wir jeweils 20 Yuan zurück. Das langte locker fürs Taxi. Man muss ja nicht alles mit sich machen lassen.

(Fortsetzung „zu Fuss“ folgt)