Ein Jahr China

Tatsache, ein Jahr China liegt bereits hinter uns – und? Hat sich was verändert?

Natürlich. Ich rede jetzt mal nur von mir – das muss doch jede selbst für sich festmachen. Beim Heimaturlaub wurden rote Ampeln ignoriert, dafür stand ich an jedem Zebrastreifen erstmal fest auf dem Fußweg und vergewisserte mich, dass weder Autos noch Radfahrer vorbeikamen. Selbst Auto fahrend musste ich mir ständig sagen: rechts fahren, links überholen und Rücksicht nehmen! In Peking wieder angekommen, mussten alle diese guten Grundsätze beim Radfahren sofort wieder vergessen werden. Ich habe den Eindruck, ich fahre aggressiver denn je zuvor, haue mich schneidenden Taxifahrern auf die Kühlerhaube oder gegen die Fenster und schimpfe lauthals – allerdings auf deutsch – trotzdem guckte sich neulich ein Fußgänger um, eine Langnase. Ob er mich verstanden hat? Peinlich! Nun ja, es wird jetzt deutlich kälter und die Radtouren werden abnehmen. Unser Fahrer ist ja auch wieder zurück aus dem Firmenurlaub. 2000 chinesische Bayeraner waren eine Woche lang in Macau – einschließlich einiger „weißer Geister“ und unserem Fahrer. Allerdings darf er dienstags nicht mehr fahren, im Oktober war es der Montag. An jedem Montag bis Freitag dürfen die Fahrzeuge mit je zwei bestimmten Kennzeichen-Endziffern nicht fahren (1+6,2+7,…) irgendwie muss Peking mit den Automassen fertig werden. Werden weiterhin so viele zusätzliche Fahrzeuge zugelassen, wird bald wieder die Olympia-Regelung eingeführt werden: nur noch jeden zweiten Tag.

Bei uns daheim heißt das zur Zeit: nur noch jede zweite Lampe. Es ist schon interessant, nach einem Jahr hat mehr als die Hälfte der Halogenlampen ihren Geist aufgegeben, die Wohnzimmerlampe verfügt nur noch über einen geringen Teil ihrer ursprünglichen Leuchtkraft, und vor einer Woche schaltete sich auch noch einfach das Internet aus. Es brauchte mehrere Fachleute, um rauszubekommen, dass wir einfach wieder bezahlen müssen. Rechnung haben wir zwar keine bekommen, aber wie beim Strom oder beim Gas merkt man ja dadurch, dass es nicht mehr funktioniert, dass mal wieder eine kleine Überweisung not tut. So was passiert natürlich, wenn der einzige Computerexperte im Haus in Macau weilt und auf meine Vermutung, es könnte am Geld liegen, deutlichst fernmeldet, das sei völlig abwegig. Jetzt warten wir darauf, dass unser Fernseher schwarz wird, denn die Bezahlung müsste jetzt auch auslaufen.

Allerdings, als ich neulich Gas nachkaufte, aus Deutschland zurückkehrend und nicht mehr kochen könnend, half das gar nicht. Erst ein seeehhhhrrrr verspäteter Hinweis meines derzeit noch in Deutschland weilenden Ehepartners – er habe nicht nur alle Stecker gezogen (mit Ausnahme meines Computersteckers – haha!) sondern auch das Gas abgedreht, brachte meine Suppe zum Kochen.

Ja, und dann stelle ich fest, dass ich mich hier natürlich zu Hause fühle, etliche neue Freundschaften haben sich in diesem Jahr entwickelt – leider verlassen die ersten FreundInnen schon wieder das Land – und es gibt so etwas wie einen alltäglichen Trott. Aber Tatsache ist auch, dass Deutschlandbesuche nicht gut tun – zumindest hinterher nicht. Ich hatte Heimweh. Dieses Leiden habe ich zuletzt mit 16 Jahren verspürt. Jetzt war es wieder da. Aber es ist vorüber. Der Alltag hat mich wieder. Ich lerne chinesisch, kämpfe gegen den Staub, trinke mein Käffchen mit Anne, male mit Sabine, Barbara und Gunhilde und singe mit fast hundert Leuten im Deutschen Chor. Am nächsten Wochenende geben wir zwei Konzerte: Carmina Burana – und noch bin ich erkältet. Irgendwie kenne ich das aus der Vorweihnachtszeit in Essen. Heiligabend war die Stimme aber immer wieder da – nächstes Wochenende besimmt auch und dann werde ich im Alt 2 deutlich zu hören sein. Ich freu mich drauf.

China gegen den Rest der Welt

Da sage keiner, dass sei übertrieben. Ich weiß noch andere Titel, heftiger, die ebenfalls ausdrücken würden, was hier in den letzten Wochen deutlich wurde. Seit Jahren, seit klar war, dass er-ling-ling-ba (2008) die Olympiade in Beijing stattfindet, wurden alle, die sportlich besonders befähigt waren, in China zu Höchstleistungen aufgebaut. Jeder in China wusste: wir sind die Besten! Und so gingen alle davon aus, dass man mehr oder minder alle Goldmedaillen einsammelt – selbst bei den Paralympics, obwohl man doch in den Jahrzehnten zuvor die behinderten Kinder einfach auf der Straße aussetzte oder sie versteckte.

Doch – womit keiner hier gerechnet hatte – es gab auch noch andere Höchstleistungssportler. Und: auch Chinesen haben Nerven und sind verwundbar.

So trug ein ganzes Volk  Trauer, als der Hürdenläufer Liu verletzt ausschied. Er war zuvor einer der absoluten Volkshelden. Nicht nur im Fernsehen sah man Tränen – beim Trainer des Ausnahmesportlers. Und auch manch anderer, der nur Silber oder Bronze gewann, kämpfte mit den Tränen der Trauer und der Scham. Ob die wohl alle hinterher ordentlich Selbstkritik üben mussten?

Aber das Tollste im chinesischen Fernsehen waren die Zusammenfassungen verlorengegangener Matches in Ballsportarten. Da wurden dann doch tatsächlich nur die guten Aktionen der unterlegenen Chinesen und die schlecht ausgegangenen Spielzüge ihrer letztendlich gewinnenden Gegner gezeigt. Jetzt weiß ich, wie Geschichtsfälschung und Gehirnwäsche funktionieren.

Bei den Paralympics waren wir ja mehrfach zugegen und machten sehr verschiedene Erfahrungen. Zunächst einmal war das Birds Nest völlig überfüllt und die chinesische Methode des Vordrängelns – irgendwie kriege ich schon einen Platz in der ersten Reihe – wurde von Tausenden gleichzeitig über Stunden hinweg versucht. Das allein nervte schon gewaltig. Aber was ich viel schlimmer fand, war der selektive Beifallssturm.

Wenn in der Wettkampftruppe eine Chinesin oder ein Chinese mitmachte, tobte und schrie und klatschte die Menge, ganz gleich, ob China gewann oder auf dem letzten Platz landete. War das aber nicht der Fall, so schwieg man sich aus, egal ob Weltrekorde gebrochen wurden oder unglaubliche Leistungen gezeigt wurden. Und es waren wirklich großartige Sportler und Sportlerinnen, unter anderem eine Goldmedaillengewinnerin aus Leverkusen, denen wir zusehen konnten und die wir auch heftig beklatschten. An diesem Tag habe ich sogar für einen Iraner Beifall geklatscht, damit der überhaupt was hörte bei seiner Siegerehrung, die direkt vor unserer Nase stattfand.

Als einige Tage später die iranische Herrenmannschaft im Sitzvolleyball die Goldmedaille errang, war allerdings alles ganz anders. Die Halle war gut gefüllt, mit vielen Chinesen, aber auch Iranern und Bosniern und einigen anderen Langnasen. Die Chinesen ließen sich begeistert mitreißen, für eine der Mannschaften zu jubeln und so machte das Zusehen wirklich Spaß. Und spannend war es auch, besonders das Spiel zuvor zwischen Ägypten und Russland um den dritten Platz. Aber diesmal haben wir uns die Siegerehrung erspart. Die anwesenden iranischen Fans waren mindestens genauso nationalistisch wie die Chinesen sonst.

Am besten gefallen haben mir die Rollstuhlbasketballspiele zwischen England, Australien, Canada und den USA. Diese Mannschaften schenkten sich nichts und waren Spitzenklasse. Alle in der Halle waren hellauf begeistert und der Jubel war gerecht verteilt – es spielte ja auch kein Chinese mit.

Ansonsten hätte wieder gegolten: China, China, über alles, über alles in der Welt!

Rekorde

Wir wurden vielfach gefragt, was wir denn alles von der Olympiade gesehen haben.

Leider nicht viel. Denn wir hatten uns viel zu spät um Karten bemüht (nach der Ankunft hier gab es erst mal tausend wichtigere Dinge zu erledigen) und dann war natürlich alles weg. Aber irgendwann wollte ich es nicht mehr hinnehmen, die Olympiade vor der Nase zu haben und nicht einmal live dabei zu sein. Also haben wir auf dem Schwarzmarkt zwei Karten für die Leichtathletik im sogenannten Birds Nest erstanden. Der Preis bleibt mein Geheimnis.

Also zogen Charlotte und ich eines nachmittags los in Richtung Olympiastadion. Es war meine erste Erfahrung mit der Beijinger U-Bahn und die  war ausgesprochen positiv. Natürlich wurde es immer voller, je näher wir dem Olympiagelände kamen, aber das war ja wohl zu erwarten. Und voll heißt in China wirklich voll. Nach einmaligem Umsteigen inklusive Sicherheitskontrolle waren wir in ca. einer Stunde auf dem Olympiagelände. Allein das ist sicher schon einen Besuch wert. Nicht nur das Olympiastadion ist beeindruckend, sondern auch das Schwimmstadion ist sehenswert, besonders nachts, wenn es von innen beleuchtet wird.

Nach einem kleinen Spaziergang über das Olympiagelände waren wir bald im Stadion angekommen. Und der Anblick ist auch von innen atemberaubend. Ein Stadion für 90 000 Menschen, das aber durchaus nicht klotzig oder klobig wirkt, sondern durch geschwungene Formen besticht.  Wir hatten ausgezeichnete Plätze, am Ende der Gegengeraden in Reihe 21, damit nah genug an der“Aschen“-Bahn und doch etwas erhöht, so dass man die Rasenfläche gut übersehen konnte. Da wir ca. eine Stunde vor dem offiziellen Beginn im Stadion waren, blieb auch ausreichend Zeit uns umzusehen und das Ambiente zu genießen. Auf einen Hinweis der Ordner hin (!) konnten wir uns auch noch rechtzeitig mit Getränken usw. versorgen – und das zu sehr zivilen Kosten und nicht zu den Wucherpreisen, die ich aus Deutschland bei solchen Gelegenheiten gewohnt bin.

Gesehen haben wir an diesem Abend den Weitsprung der Frauen, das Ende des Zehnkampfes inklusive des Marathons der Zehnkämpfer, also den abschließenden 1500m Lauf, mehrere Staffellaeufe wobei wir einen Wechsel der 4×100 m Laeufer(innen) direkt vor uns hatten, die 5000 m der Frauen und den Stabhochsprung der Maenner.

Es gab Tränen verschiedenster Art an diesem Abend: Tränen der Enttaeuschung der 4×100 m Frauen aus Jamaika, die alsTopfavoriten ihren Staffelstab verloren. Das passierte an dem Wechsel vor uns, so dass wir das Drama hautnah miterleben konnten. Aber auch Traenen der Freude von der brasilianischen Weitsprung-Siegerin, die wohl ziemlich ueberraschend gewonnen hat.

Rekorde gab es auch. Einen olympischen Rekord durch den australischen Goldmedaillengewinner im Stabhochsprung. Und das nach einem echten Krimi. Er hatte die Goldmedaille bereits sicher, wollte aber den olympischen Rekord brechen. Er scheitert im ersten Versuch. Danach lässt er die Zeit für den zweiten Versuch verstreichen, um sich wenigsten etwas zu regenerieren. Und schafft dann die Höhe im dritten und letzten Versuch. Das Schoene dabei war, dass die Stabhochsprunganlage direkt vor uns auf der anderen Seite der Aschenbahn aufgebaut war.

Vorher hatten wir bereits einen Weltrekord über 4x100m der Männer erlebt, erzielt durch die Mannschaft aus Jamaika mit dem fabelhaften Usain Bolt.

Ja, wir waren bei Olympia. Aber waren das olympische Spiele, so wir ich sie erwartet hatte? Eigentlich nur zum Teil. Irgendwie fehlte an diesem Abend die Stimmung. Obwohl es ein warmer Sommerabend war und wir außergewöhnliche sportliche Leistungen sahen, kam keine wirkliche Atmosphäre auf. Bemerkenswert ist sicher, dass das chinesische Publikum kaum nicht-chinesische Sportler beklatschte, auch wenn es Ausnahmen gab wie den Stabhochsprung Sieger. Aber wenn ein chinesischer Sportler am Start war, tobte das Publikum. Dabei spielte es auch keine Rolle, ob dieser mit weitem Abstand hinter den anderen hinterher lief. Ich hatte den Eindruck, dass in jedem Block ein Einpeitscher sass, der die Sprechchöre anstimmte und dafür sorgte, dass diese erst wieder aufhörten wenn der Wettbewerb für den chinesischen Teilnehmer zu Ende war. Mir persönlich hat dies die Stimmung an diesem Abend etwas genommen, denn für mich zählt zunächst die persönliche Leistung und aus welchem Land ein Sportler kommt, ist für mich zweitrangig.

Trotzdem hat sich der Besuch bei den olympischen Spielen gelohnt. Es war das Geld wert, dieses „Spektakel“ wenigstens einen Abend hautnah mitzuerleben.

Besuch im Polizeistaat

Am letzten Sonntag (auch der letzte Tag der Olympiade) hatten wir uns überlegt, wieder einmal den Houhei Park zu besuchen. Der Houhei Park ist ein Park mit einem großen See ziemlich zentral gelegen in Beijing. Zunächst sind wir mit der U-Bahn in die Nähe gefahren, um dann durch Nebenstraßen zum Park zu gehen.
Aber kaum kamen wir in die Nähe des Parks, war die Zugangsstraße durch ein Flatterband und viele Uniformierte abgesperrt. Zugang nur für autorisierte Personen. Nun ist an dieser Ecke auch eine Sportschule, so dass wir vermuteten, dass dort einige Olympioniken untergebracht sein könnten und deshalb die Umgebung abgesichert wird.
Wir gingen also etwas weiter, um über einen kleinen Umweg zum See zu kommen. Aber auch an den nächsten Zugängen das gleiche Bild: Flatterband und viele Uniformierte (Armee, Polizei, …). Nun ist der Houhei auch bei den Beijinger Bewohnern ein beliebtes Ausflugsziel für den Sonntag und dementsprechend viele Menschen standen ratlos vor den Absperrungen. Wir kamen mit einem jungen chinesischen Pärchen ins Gespräch, die zwar auch keine Erklärung hatten, aber meinten, Ausländer würden eingelassen. Unglaublich! Das wollten wir genauer wissen.
Also gingen wir zu einer der Uniformierten und fragten nach. Leider konnten wir weder eine Einladung vorweisen, noch hatten wir einen Tisch in einem der vielen Lokale am See reserviert. Trotzdem wurden wir nach kurzer Überlegung eingelassen. Das war ja schon etwas merkwürdig.
Richtig unwohl fühlte ich mich dann allerdings, als ich sah, wer im Park unterwegs war. Hunderte von Uniformierten: Polizisten in blau, Soldaten in grün, Miliz in gescheckt, … Alle paar Meter stand wenigstens ein Uniformierter und passte auf – auf dem See Boote mit Polizei und immer wieder grössere Gruppen von Uniformierten. Dazu auffällig viele in Zivil mit Kameras (wie etliche Polizisten auch).
Die Fotos, die in meinem Fotoalbum zu sehen sind, habe ich innerhalb weniger Minuten gemacht. Sie geben wenigstens einen Eindruck, von unserem Besuch im „Polizeistaat“ wider.
Auch nachdem wir den Park verlassen hatten, mussten wir feststellen, dass an der nächsten großen Kreuzung Autos durch Polizisten in kugelsicherer Weste und Stahlhelm kontrolliert wurden.
Im Laufe der Woche haben wir dann noch etwas Merkwürdiges erfahren. Ein anderer deutscher Bekannter, den wir kurz nach dem Verlassen des Parks trafen, wurde nicht eingelassen. Er hatte sich wenige Tage vorher nach einer Auslandsreise ordnungsgemäß bei der Hutong-Polizei zurückgemeldet und wurde daher von seiner Wohnbezirks-Polizistin erkannt. Als Ansässiger wurde er ebenfalls nicht eingelassen. Also wurden offensichtlich nur (Olympia-)Gäste aus dem Ausland eingelassen. Wir hatten wohl schlicht Glück, dass man uns nicht genauer kontrolliert hatte.
Alle Nachfrage bei Kollegen, Freunden und Bekannten erbrachte keine Erklärung für das „Warum“. Insbesondere nicht, wofür die Hunderte von Uniformierten im Park da waren. Was bewacht wurde oder wovor man Angst hatte, bleibt im Dunkeln.
Was bleibt, ist eine nachhaltige Erinnerung an den Besuch im Polizeistaat.

slowly, slowly

Urlaubszeit! Viele unserer Bekannten, die schon länger in Beijing leben und das Juliklima kennen, sind nach Europa geflüchtet. Manche haben auch keine Lust „auf das ganze Olympiaspektakel“ – wie sie sagen – und noch andere mussten reisen, weil die Visumverlängerung ausgesprochen schwierig gehandhabt wird. Wir aber haben uns entschlossen, zu bleiben, um alles mitzukriegen:

  • sämtliche „unsere Stadt soll schöner werden“-Aktionen,
  • die Verkehrsbeschränkungen – unser Wagen mit gerader Zahl am Nummernschild darf nur an geraden Wochentagen fahren ( doppelt gemein am 31.7./1.8.) –
  • all die Neueröffnungen…

Aber ein Kurzurlaub war dann doch angesagt: wir wollten in den kühleren Nordwesten zu den Hängenden Klöstern Shaanxis. Leider wurde die Fahrt abgesagt. Also: schnell etwas anderes gesucht. An die Küste fahren, wäre doch auch nicht schlecht. Da hatte ich mal was gelesen von einer schönen kleinen Insel mit einem interessanten Hinterland auf dem Festland. Küste, Strand und Meer – Charlie war begeistert. Hakkarundbauten, einmalig, Weltkulturerbe – Klaus war begeistert. Wir haben gebucht und schon meinte Charlies Freund: hen re = sehr warm. Darüber hatten wir gar nicht nachgedacht. Aber kann es wirklich so viel wärmer sein als in Beijing? Nicht wirklich. Aber eben auch nicht kühler.

Freitag morgens hieß es: schnell, schnell. Denn das feiji = Flugzeug, flog schon um 7.45 Uhr. Bei doppelten Sicherheitskontrollen am Flughafen und längerer Anfahrtszeit, weil alle derzeit sehr korrekt fahren, selbst die Taxifahrer, die seit neuestem alle das gleiche Hemd tragen, hieß das, mitten in der Nacht aufstehen. Aber es hat alles gut geklappt und wir saßen pünktlich im Flieger nach Xiamen, einer 2,5 Millionen Stadt an der Küste gegenüber von Taiwan. Nach zweieinhalb Stunden Flug erreichten wir einen sehr schönen Flughafen, mit live Klaviermusik, und eine ausgesprochen moderne Stadt. In der Empfangshalle wartete Simeng, Simon, auf uns mit einem Schild ausgestattet „Dr. BlaH“. Er hastete mit uns nach draußen, wo wir länger in der Hitze auf unser Auto warteten. Anschließend fuhren wir drei Stunden lang ins Landesinnere. Vorbei an Firmenniederlassungen von Linde und Kodak, später auch an großen Zementfabriken und Kohlezechen, hinein in eine Landschaft voller Bananen-, Reis- und Teeplantagen. Eine sehr gute, neue Straße wand sich den Berg hinauf und von oben konnten wir sie dann zuerst sehen: die Hakkarundbauten. Von außen Lehmwände, über einen Meter dick, von innen Holz, Platz für 150 bis 350 Menschen, auf mehrere Etagen im Rund verteilt. In den unteren, fensterlosen Etagen, werden die Vorräte gestapelt, die Tiere gehalten, gekocht und gewaschen, in den oberen wird geschlafen. Auf Privatsphäre darf man hier wahrscheinlich keinen besonderen Wert legen. Wir fuhren hinunter ins Dorf und bekamen erst mal was zu essen: Hühnersuppe. Ein halbes Huhn mit sämtlichen Innereien schwamm drin rum, außerdem ragte etwas weit heraus, das wie lange Spinnenbeine aussah, aber als Spezialgewürz, Zweige waren es, sehr empfohlen wurde. Wir probierten die sehr fette Brühe und waren aufs angenehmste überrascht: einfach ausgezeichnet, diese Suppe! Auf alles andere hätten wir verzichten können. Der „Spinat“, das sind die Blätter der Süßkartoffeln, schmeckte auch sehr gut, und natürlich der Reis. Simeng kam, und meinte „Doctor, slowly, slowly!“ und wir ließen uns Zeit beim Essen in diesem etwas anderen Restaurant: Privatraum schlichtester Art, aber: kühlender Ventilator. Denn es war „hen re“. Danach ging die Besichtigungstour los: größter Tu lou (Rundbau), ältester, schönster, und, auch das gibts: quadratischer. Womit bewiesen ist: die Quadratur des Kreises gelang vor 600 Jahren in China. Überall wähnte man sich in einer vergangenen Zeit. Mensch und Tier wohnten eng beieinander, gewaschen wurde mit dem hölzernen Waschbrett, im Innenhof wurde geschlachtet und gekocht, das Kind auf den Topf gesetzt und am Schrein der Ahnen gedacht. Simeng versuchte, uns möglichst flott durch die verschiedenen Bauten und Dörfer hindurchzulotsen, unser Fahrer fuhr wie ein Weltmeister, und immer mal wieder hörten wir: „Doctor, slowly slowly“.

Am späten Nachmittag rasten wir – so fern es die manchmal desolate Straße zuließ – zum Hotel nach Yongding. Es war gerade erst eröffnet worden, und wie wir zufällig bemerkten, noch nicht auf allen Etagen fertiggestellt. Unsere Zimmer waren allerdings sehr schön, das private Abendspeisezimmer mit eigenem Servierfräulein auch, allerdings war man hier wohl sehr selten mit Langnasenbesuch konfrontiert. Weder Schweineohren, noch ledernes Entenfleisch oder schwabbeliger Tofu konnten uns begeistern. Weder Englisch noch Mandarin-Chinesisch der Pekingerart halfen weiter bei der Nachfrage, was das denn alles sei, was wir da essen sollten. Das mühsam bestellte Bier wurde in kleinsten Weingläser ausgeschenkt, halbvoll. Und danach wurden wir draußen, wo direkt vorm Hotel ein kleines Volksfest stattfand, tatsächlich wie die Aliens angestarrt.

Am nächsten Morgen wurden draußen die Straßen gewaschen, Taiji geübt und wir bekamen drinnen ein typisch chinesisches Frühstück: grünen Tee und alle warmen Speisen, die man auch mittags und abends isst, plus Brei, außerdem etwas Kuchen und frisches Obst. Die letzten zwei Dinge waren unsere Rettung.

Und dann jagden wir auf holprigsten Staßen ins hinterletzte Hakkadorf. Aber es lohnte sich. Als erstes stiegen wir einen Berg per Treppe hinauf, um von einer Pagode aus aufs Dorf hinunter sehen zu können. Wir waren schweißgebadet. Dann durften wir über ein paar Steine hinweg ein Flüsschen überqueren, um ins Dorf zu gelangen. Der erste Tu Lou war nicht mehr bewohnt, dafür weit über 600 Jahre alt und wie ein Museum ausgestattet. Hier gab es auch eine lebende riesige, gelbgefleckte Würgeschlange zu betrachten, die man vor einigen Tagen im Wald gefangen hatte. Unter anderem zum Schutz vor solchen Tieren war man auf diese Bauweise verfallen. Der zweite, quadratische Tu Lou machte einen katastrophalen Eindruck: bewohnt von hauptsächlich alten Menschen und Kindern ( die jungen Erwachsenen arbeiten in den Städten oder in Übersee), dreckig und baufällig. Hier war mal wieder deutlich zu erkennen, welche chinesischen Eigenschaften den Bauwerken nicht gut tun: der Schmutz vor der eigenen Tür ist egal und bauerhaltende Maßnahmen kennt man nicht. Zu Mittag zauberte eine Dorffamilie eine köstliche Vielzahl chinesischer Speisen samt der berühmten Hühnersuppe für uns und wir aßen, genüßlich, in einer Art Garage neben einem recht neuen Motorrad.

Nun aber ging es schnell an die Küste, an unendlich vielen schwerstbeladenen Lastern vorbei, dafür so gut wie keine Privat-PKW, höchstens Mopeds mit drei Menschen Besatzung. Unser Hotel hatte einen Swimmingpool. So war trotz des schmutzigen Meerwassers schwimmen möglich und die Mahlzeiten waren auch für Langnasen wirklich lecker. Die kleine Insel, die wir am nächsten Morgen zusammen mit chinesischen Massen per Fähre besuchten, war das reinste Paradies im Kolonialstil. Um möglichst viele Menschen hinter uns zu lassen, drängelte sich Simeng am Anleger durch Hunderte schon Wartender bis vors Tor, wir immer brav hinterher, und keiner protestierte. Hier wird man bewundert, wenn man so drängeln kann. Uns war es eher peinlich. Und für Menschen mit Platzangst wäre die Situation zum Verzweifeln gewesen. Slowly, slowly, ging es flott über die Insel, hinauf zum Vogelpark, auf die Aussichtsklippen, ins Pianomuseum, durch die engen Gassen und natürlich pünktlich zum Mittagessen, damit wir nachmittags nicht hungrig im Flieger saßen.

Abends in Beijing war der Smog noch mal so schlimm wie je zuvor und der Taxifahrer fuhr uns durch den Stau des Airport-Expressways ganz slowly nach Hause. Doch, Beijing weckt in uns schon heimatliche Gefühle..

Heimatbesuch

Vor etwa 10 Tagen war ich auf einem kurzen Besuch in der deutschen Heimat.

Fuer alle, die sich beklagen, dass ich nicht bei Ihnen vorbeigekommen bin, sei der Reiseverlauf kurz geschildert: Mittwoch abends Ankunft in der Nähe von Leverkusen. Donnerstag und Freitag hatte ich dort einen Workshop (der dienstliche Grund der Reise). Am Freitag bin ich dann zu Friederike nach Dortmund gefahren – wir hatten uns seit Januar nicht mehr gesehen und haben das gemeinsame Wochenende sehr genossen. Am Montag dann nach Leverkusen – Kontakte pflegen. Schließlich komme ich irgendwann zurück und dafür ist es wichtig die dienstlichen Beziehungen nicht abreißen zu lassen. Am Dienstag bin ich dann bereits weiter nach Hongkong geflogen, wo mich Kunden und ein weiterer 2-Tages-Workshop erwartete. Fuer weitere Besuche blieb daher diesmal leider keine Zeit.

Kleine Bemerkung am Rande: All diese Städte, die mir noch vor kurzem sehr exotisch und weit weg erschienen: Beijing, Shanghai, Hongkong, Osaka, Singapur, Sydney, … werden nun doch schnell vertraut.

Heimatbesuch

Ich war sehr gespannt auf Deutschland und darauf, was mir nach einem Jahr in China auffallen würde.

Das erste, was mir am Frankfurter Flughafen ins Auge sprang, war, dass die Deutschen dick sind. Natürlich nicht alle, aber mir fiel doch auf, wie viele gut genährte und auch dicke Menschen in Deutschland zu sehen sind. Sicher gibt es auch dicke Chinesen, aber die überwiegende Mehrheit hier ist schlank bis dünn, nur wenige sind dick. Mein Eindruck war, dass dies in Deutschland genau anders herum ist. Diese Erkenntnis war dann auch fuer mich der Anlass zu beschließen, dass ich dringend noch ein paar Kilo abspecken muss.

Das zweite war eine Bemerkung meiner chinesischen Kollegen zum Kölner Dom: der sähe ja „scary“ (schrecklich, erschreckend) aus. Dieses große, dunkle Gebäude mit den vielen Spitzen, Ecke und Kanten wirkte auf sie deutlich einschüchternd. Kulturschock einmal anders herum. Aber dies öffnet auch die Augen, dass Dinge, die uns vertraut sind, auch anders wahrgenommen werden können.

Gute Luft: Mein Workshop fand mitten im Bergischen Land statt. Ich glaube, mir ist noch nie so aufgefallen, wie gut und klar die Luft dort ist. An den Beijinger Smog habe ich mich ganz gut gewöhnt, aber die saubere, frische Luft des Bergischen Landes hat mir sehr deutlich vor Augen geführt, welchen Schatz wir daran haben.

Servicewüste: Darüber haben wir in diesem Blog eigentlich schon viel zu oft geschrieben, aber der Unterschied ist einfach zu gravierend. Das extremste Beispiel waren zwei Verkäufer, die ich in ihrem sicher netten Schwatz stören musste, um wenigstens etwas Beratung zu bekommen.

Deutsches Frühstück: Uns fehlt es ja hier an wenig, aber ein deutsches Frühstück auf der Terrasse mit gutem deutschen Kaffee und frischen (Körner-) Brötchen war schon ein Genuss.

Bin ich schon ein Chinese? Den Eindruck habe ich bekommen, nachdem ich ein Foto gesehen habe, das während des Workshops aufgenommen wurde.  Unter all den großen Deutschen passte meine Körpergröße deutlich besser zu den mitgereisten Chinesen.

Heimatbesuch?

Ja es war ein Besuch in der alten Heimat und natuerlich hat mich an der einen oder anderen Stelle die Wehmut beschlichen. Und trotzdem bin ich am Ende in unserer Beijinger Wohnung nach Hause gekommen. Es ist unser Zuhause, in dem wir uns sehr wohl fühlen,  wenn auch nicht die Heimat.

Zum Shoppen nach Hongkong

Zum Sightseeing nach Hongkong wollte ich schon die ganze Zeit. Endlich hat’s geklappt. „Da musst du erstmal durch die Immigration…“ Wie? Immigration? Ich denke, das gehört seid fast 10 Jahren zu China. Und dann muss ich durch die Immigration? Und wie ich durch die Immigration musste. Über eine halbe Stunde durfte ich anstehen, bis ich endlich genau betrachtet wurde, ob ich wohl mit meinem nicht lächelnden Passbild übereinstimme. Seit ich diesen Pass habe, lächle ich auch nicht mehr – zumindest nicht bei der Passkontrolle. Und nach mehr als einer halben Stunde stehen sowieso nicht. Dabei waren wir wegen der Ausläufer des Taifuns, die uns auf fremde Routen zwangen, auch schon zu spät gelandet.

„Wenn du durch die Immigration durch bist, holst du dir erst mal Hongkongdollar.“ Wie? Dollar? Ich denke, das gehört … und außerdem war das doch zuvor britisch. Wieso dann Dollar? Na, immerhin, der Umtauschkurs ist derselbe wie chinesische Renminbi in Euro. Da muss ich mich nicht umstellen.

„Dann kaufst du dir eine Zugfahrkarte.“ Das ist tatsächlich einfach. der Zug wartet auch schon gegenüber, aber er ist total überfüllt, dabei fährt der angeblich kurztaktisch. Ich stehe bis Hongkong-Central.

„Nimm dir ein Taxi. Zeig dem Taxifahrer die chinesische Anfahrtkarte zum Hotel.“ Der Ehemann hat gut reden. Wie bei der Immigration stehen hier wieder vier elendlange Schlangen Wartender am Taxistand und natürlich wähle ich die langsamste – auf jeden Fall nicht die schnellste. Denn in der steht der Herr, der mit mir ein Stockwerk höher nach dem Taxistand gesucht hatte und jetzt deutlich früher abfährt als ich.

2 Stunden dauerte es von der Abfahrt daheim bis zum Abflug vom neuen Pekinger Airport – erste Sahne! – 4 Stunden Flug waren es von Peking nach Hongkong – knappe Mahlzeit mit kalten Nudeln. Über 2 Stunden brauchte ich von der Landung bis ins zugegeben wunderbare Hotel.

Insgesamt waren das 8 Stunden um von einer chinesischen Großstadt in die andere zu kommen. Von Deutschland aus hätte ich wer weiß ich wo sein können – in acht Stunden!

Ja, ich weiß, auch wenn es ein China ist, so handelt es sich bei Hongkong doch um einen ganz besonderen Status. Die Autos, die Doppelstockbusse und Doppelstockstraßenbahnen fahren links. Ständig sieht man vor sich auf der Straße, wenn man sie an offiziellen Überwegen überqueren will, Hinweise, dass man bitte in die richtige Richtung guckt, um den Verkehr zu erspähen. Sehr viele Menschen sprechen Englisch, dafür klingt das chinesisch etwas komisch. Es gibt nur Hochhäuser, alte, heruntergekommene und neue, glitzernde; beide erkennt man kaum, weil massenweise Schilder und Lichtreklamen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Massen an Menschen und Verkehr keine Ruhe zur Betrachtung der Umwelt lassen.

Der Ehemann ist schlau. Als er endlich seine Konferenz verlassen hat, macht er sich mit mir spornstreiks auf den Weg zum Hafen. „Heute morgen hats geregnet. Jetzt ist es schön. Lass uns jetzt das Panorama genießen gehen. Wer weiß, was morgen ist.“ Auf jeden Fall ist es sehr warm, sehr schwitzig, sehr voll von Menschen. Aber das Panorama im Hafen ist überwältigend! Wir fahren mit der Fähre rüber nach Kowloon und blicken auf die Skyline von Hongkong-Central. (siehe Fotoalbum!) Einfach toll. Zu den Bildern mach ich noch ein paar Filmaufnahmen, dann gehen wir essen – Seafood – immerhin sind wir am Meer. Italienisch – es muss nicht immer chinesisch sein. Später fallen wir total müde in die Betten – iiiihh! die sind ja nass! Gegen diese fast 100% ige Luftfeuchtigkeit kommt auch unsere auf Dauerlauf eingestellte Klimanalage nicht an. Alles ist feucht im Zimmer. Am schlimmsten sind wirklich die Betten dran. Aber auch alle Bücher wellen sich und später daheim, müffelt die gesamte mitgereiste Kleidung.

Am nächsten Tag weiß ich, warum das Herz-Blatt gestern gleich in den Hafen wollte. Nachdem wir uns zur Peak-tram haben bringen lassen, gucken wir in die Wolken. Der Peak, der Gipfel, ist nicht zu sehen und wir entscheiden uns zu einem Stadtbummel. Wir fahren mit der längsten Rolltreppe der Welt, wandern unter tropischen Bäumen, durchstreifen die chinesischen Marktstraßen Hongkongs und betrachten das Angebot an Haifischflossen, Schwalbennestern, sehr gesunden, merkwürdigst riechenden Kräutertees und landen auf dem Fischmarkt, wo sehr lebendige Fische neben merkwürdigsten Muscheln und sehr rotaufgeklappten Fischköpfen herumspringen. Die Wolken starten ihren Angriff. Es kommt einem wirklich so vor. Die Welt verdunkelt sich, der Wind wird zu Sturmgebraus und wir flüchten zu Hennes und Mauritz (H&M). Ach, was es in Hongkong alles an Geschäften gibt. Das Sogo, nicht weit von unserem Hotel, hat mindestens 12 Stockwerke und alle führenden Marken dieser Welt sind dort zu finden. Was in Deutschland Rang und Namen hat, von Leifheit bis zu Rosendahl, von Boss bis Schiesser, ist vorhanden. Von nun an regnet es, aus Kübeln, mit Blitz und Donner als Begleitung. Und auf einmal sind wir nur noch zum Shoppen in Hongkong. Und das ganz erfolgreich.

9. Juni – Momentaufnahme

Wir haben Feiertag! Draußen machen die Bauarbeiter Lärm wie üblich, Klaus war beim Bäcker und hat Croissants und Brötchen geholt, nachher wollen wir mal in den Perlenmarkt fahren und das dortige Händlerangebot betrachten, aber es ist Drachenbootfest und Charlotte und Klaus haben frei. Wie praktisch! Besonders für Charlotte, die sich ja gestern, bzw. heute das Spiel der Deutschen Nationalmannschaft ansehen wollte. Ob sie den Sieg bejubelt hat, weiß ich noch nicht. Sie schläft jedenfalls tief und fest. Es ist halt Europameisterschaft. Die fängt hier erst um Mitternacht an und die Deutschen spielten ab 2. 45 oder so in der Nacht. Aber die Chinesen sind ja Fußball begeistert und so gibt es die Spiele auch im (Starbucks ähnlichen) Cafe hier gegenüber auf Großleinwand.

Gerade klingelte das Telefon und es meldete sich die Assistentin meines Zahnarztes: „ich möchte Sie auf Ihren Termin aufmerksam machen: morgen früh, 11.15h.“ Das nenne ich Service! Nein, ich habe wirklich noch keinen Termin versäumt, komme immer überpünktlich, denn man weiß ja nie, wie die Verkehrssituation ist und ob man eine Viertel- oder eine Dreiviertelstunde bis zur Klinik braucht. Aber das Warten fällt ja auch nicht schwer. Ich kann Kaffee trinken und deutsche oder amerikanische Zeitschriften lesen und nette Menschen treffen… Eben Service! Der wird hier überall großgeschrieben: Im Lokal steht ein Kellner neben dir, sobald du eintrittst, sucht dir einen Platz, bringt dir die Karte und steht und berät und wartet, bis du ausgewählt hast. Bringt dir vielleicht sogar unaufgefordert schon mal ein Glas Wasser, weil es so warm ist ( heute sind 33° angesagt), guckt, während du isst, immer mal wieder nach, ob du einen neuen Teller für Abfall brauchst oder etwas leer gegessen ist und gießt gern nochmals unaufgefordert Wasser nach. Wenn du dann bezahlst, erwartet er kein Trinkgeld und verabschiedet dich aufs freundlichste. Eventuell sagt er sogar „tschüß“, weil er gemerkt hat, dass du aus der Servicewüste Deutschland stammst.

Überhaupt Deutschland – zur Zeit sorgen unsere deutschen Landsleute hier doch manchmal für große Erheiterung. „Ich bin auf Inspektionsreise“ stellte sich gestern ein älterer Herr im deutschen Gottesdienst vor. Er sei ehemaliger Pfarrer und jetzt Reiseleiter für Gemeindegruppen und suchte nach „Begegnungsmöglichkeiten“ für deutsche gemeindliche Reisegruppen. Am besten einen deutschen Pfarrer, der die Pekingführungen übernimmt und vielleicht noch einige nette Privatquartiere. Wohlgemerkt: er kannte hier niemanden! Die Gemeindevorsitzende konnte Ähnliches berichten: sie bekommt Anfragen wie: „Ich bin ein pensionierter christlich orientierter Lehrer aus … in Hessen und habe bereits Flug und Olympiatickets. Haben Sie in ihrer Gemeinde noch Privatquartiere frei. Damals in Melbourne konnte ich es mir sogar aus einer Auswahl aussuchen.“ Manchmal kann man den hiesigen Behörden richtig dankbar sein. Zur Zeit ist es uns nicht erlaubt, andere Menschen als Verwandte ersten Grades – mit Geburtsurkunde bezeugt – bei uns daheim aufzunehmen. Aber – wie gesagt, das hier ist eine Momentaufnahme – ich hoffe doch sehr, dass Freunde und Bekannte aus Deutschland demnächst bei uns zu Besuch sein dürfen, wenn sie wollen.

Akupunktur

Wenn man in china wohnt muss man natuerlich auch etwas chinesisches lernen. Meine Eltern haben sich fuer die Sprache entschieden + Schriftzeichen und ich mich fuer die Chinesische Medizin. Die Akupunktur. Seit gut einem Monat gehe ich jeden tag zur schule und versuche 170 Punkte zu lernen. Wie man sich denken kann, ist das gar nicht so einfach. Seit 2 Wochen sind wir auch morgens im Krankenhaus und muessen nadeln setzen und wieder rausziehen. Aber wie setzt man den nur nadeln? Man muss wissen wie tief oder ob man sie schraeg oder gerade reindrueckt. Sich auch noch zu merken wofuer dieser Punkt jetzt gut ist, ist wirklich nicht mehr einfach. Und dann lernt man das ganze ja auch noch in Englisch.Ich habe jetzt aber einen deutschen Uebersetzer mir angeschafft, damit ich es zu mindest besser verstehe.  Trotz der ganzen Schwierigkeiten macht es trotzdem Spass. Wer will kann dann mal ne nadel kriegen. Also dann. Bis zum nadeln.

Zur Zeit nur mit Schirm aus dem Haus

Über mir braust es. Ich hab die Klimaanlage eingeschaltet, weil es einfach nicht mehr anders auszuhalten ist. Draußen ist es über dreißig Grad warm, sehr schwül und hier drinnen war es zumindest nicht viel kühler. Ich halte das auch für gesünder als diese völlig runtergekühlten Bürogebäude, in denen es jetzt kälter ist als es im Winter in ihnen war. Wirklich eine verkehrte Welt! Womit wir das bezahlen, hab ich heute mittag auch gemerkt, als ich nach dem Chinesisch-Unterricht das Haus verließ: es stank, als hätte die Formel eins sich direkt von Monaco nach CentralPark Beijing aufgemacht. Abgasgeruch pur! In den letzten Tagen hatten wir mehrfach dicken Smog, sodass wir gerade zwei Hochhäuser weiter gucken konnten. Dann gab es meistens heftigen Wind mit viel Staub und Sand, damit sich das Putzen lohnt – zurzeit fast täglich mehr als notwendig – und danach folgte ein Tag, an dem zahlreiche Chinesinnen ihren Schirm aufspannten.

Nein – es regnete nicht. Schirme braucht man, bzw. frau, hier als Schutz gegen die Sonne, denn nichts ist schlimmer als braun werden. Die Whitening Cremes sagen ja alles. Immer schön bleichen, möglichst helle Haut zur Schau stellen, damit zeigt jede an, dass sie es nicht nötig hat, draußen zu arbeiten. Und ich? Also, den Schirm vermeide ich ja sogar bei Regen, ein Sommerhut oder ähnliches ist bei meinem Kopfumfang schwer zu kriegen, also setze ich meine Hoffnung auf Schatten und Sonnencreme mit höchsten Lichtschutzfaktoren.

Nur eine bestimmte Stelle hatte ich neulich übersehen. Es war ein wunderbarer Sommertag, klare Luft, blauer Himmel und ich war zu Kaffee und Kuchen in einem traditionellen Courtyard Haus im Hutong jenseits der verbotenen Stadt eingeladen. Also setzte ich mich aufs Rad, gut behelmt und fuhr so rechtzeitig los, dass ich noch eine schöne Mittagspause am Houhai-See einlegen konnte. Aber mein rechtes Pedal fühlte sich sehr eierig an – ich hatte keine Ahnung, was los war, bis mein Fuss auf einmal in der Luft hing – das Pedal war abgefallen. Gott sei Dank – es geschah kurz vor einer belebten Kreuzung, rechts führte die Straße zum Bell-Tower und ich wusste, da gibt es Fahrradreparateure. Schnell hatte ich einen ausgemacht. Er besah sich Pedal und Rad und erklärte mir, was ich auch schon bemerkt hatte, dass nämlich alles völlig desolat sei und eine neue Halterung fürs Pedal her müsste. Aber auch das Fahrradgeschäft war in der Nähe und so besorgte er alles: zwei neue Pedale und die Halterung, die auf der Seite natürlich noch mit dem dreifachen Kettenkranz direkt verbunden ist. Nun habe ich all das neu am Rad in chinesischer Qualität – von wegen Shimano – und die Gangschaltung funktioniert noch nicht einwandfrei. Aber immerhin, ich konnte die Tour fortsetzen nach einer halben Stunde Arbeit und einer Bezahlung von umgerechnet 13 Euro. Pünktlich kam ich zum Apfelkuchen, es war ein schöner Nachmittag und abends fuhr ich eine halbe Stunde flott durch den Berufsverkehr ohne Probleme zurück. Nur mein Göttergatte fand heraus, dass ich wohl nicht ständig behelmt gefahren war. Bei der Reparatur hatte ich den Helm in der Fahrradtasche verstaut und anschließend dort belassen. Ich hatte mir einen Sonnenbrand geholt. Nicht auf der Nase, auch nicht an Händen oder Füßen, nein, auf dem Kopf, da wo die Frisur einen Scheitel besitzt.

Ich denke, ich halt mal Ausschau nach einer Schirmmütze.